46. Schacholympiade: Highlights Runden 1-3

Anselm präsentiert die besten Momente aus der Schacholympiade 2026 in Samarkand.

Liebe Leserin, Lieber Leser,
Ich habe getan, was sich niemand Anderes getraut hat: Ich habe mir alle (ja, ALLE...) Partien der ersten drei Runden der laufenden Schacholympiade in Samarkand angeschaut und eine Zusammenstellung der besten und spannendesten Stellungen gemacht.
Es war nicht einfach, aus über 2000 Partien nur wenige Highlights zusammenzustellen. Es gab noch so viel mehr Spannendes, aber ich musste mich auf diese sehr kleine Auswahl beschränken. Ich habe bewusst auch Partien gewählt, die etwas abseits des grossen Rampenlichts stattfanden. Auch solche Begegnungen machen für mich die Besonderheit dieses Wettbewerbs aus!
Werde ich das für die kommenden Runden wieder machen? Vielleicht... Wenn das Feedback auf diesen Artikel positiv ausfällt, erhöht das die Chancen :-)
Viel Spass beim Lesen!

Anselm

MOSAMBIK – GUERNSEY
CM Jamal – CM Brookfield
Stellung nach 37.Tc8

Beginnen wir mit der bisher unterhaltsamsten Partie des Turniers. Schwarz hat zwei Damen, aber Weiss gibt sich nicht so leicht geschlagen.

37...Dd7? Nun hätte Weiss gewinnen können mit: 38.Txf8+! Kxf8 39.Sxh7+ Kg8 40. Sf6+ Kh8 41.Sxd7 Dd3+ 42.Kh2 Dxd7 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

43.Dh4+ Kg8 44.Dd8+ mit einem gewonnen Endspiel für Weiss, was aber weder einfach zu rechnen noch einfach einzuschätzen war. Es folgte stattdessen:

38.Tc7? Ddd3+ 39.Kh4 Lb4?! (droht 40...Le1) 40.Tc8+ Se8 41.Txe8+ Kg7 42.Sf3 Dh1? Besser war z.B. 42...Dbf1. (siehe Diagramm)

43.Ld8! Es droht 44.Lf6+ Kh6 45.g5#. Schwarz hätte sich nun mit 43...Dxd8 44.Txd8 Le7+ 45.Kg3 Lxd8 mit einem unklaren Endspiel zufrieden geben müssen. Stattdessen wählte er 43...Lf8? und wurde nach 44.Lf6+ Kg8 45.Txf8+! Kxf8 46.Dc5+ Ke8 47.De7# mattgesetzt. Tatsächlich haben zwei Damen Schwarz nicht zum Sieg gereicht!


LUXEMBURG – NIEDERLANDE (F)
WGM Wagener – WGM Van Foreest, M
Stellung nach 36.cxd4

Es sah so aus als müsste Machteld Van Foreest ein unangenehmes Endspiel verteidigen. Mit einer taktischen Raffinesse vermochte sie aber ihre Gegnerin zu überlisten.

36...a3!? 37.bxa3? Notwendig war 37.Sd1. 37...c3 38.Tc2 h3+! (siehe Diagramm)

Egal, wie Weiss auf h3 nimmt, wird die 2. Reihe entscheidend geschwächt. 39.Kf1? ist auch nicht möglich angesichts 39...Tb1+ 40.Ke2 Sxd4+. Die Partie endete 39.Kxh3 (39.Sxh3 Tb2-+) 39...Tb2 40.Txc3 Txf2 41.d5 Sd4 42.d6 Sxf3 und Weiss gab auf.


PERU – USBEKISTAN
IM Flores – GM Sindarov
Stellung nach 31.Kg5

 

Schwarz hat viele Gewinnwege, aber WM-Herausforderer Sindarov liess es sich nicht nehmen, seine Dame zu opfern.

31...Kf7! 32.Dxf1 Th3 und ...h6# lässt sich nicht mehr stoppen.


LITAUEN – DOMINIKANISCHE REPUBLIK
IM Stremavicius, P – FM Mendez Ramirez
Stellung nach 40.fxg7+

 

Pijus Stremavicius, Bruder des vom "Fanclub Bogner" geächteten Titas Stremavicius, hatte mit wilden Komplikationen zu kämpfen. Richtig war 40...Kxg7, aber Victor Mendez Ramirez suchte verständlicherweise Schutz vor Schachgeboten und spielte 40...Kg8? Nach 41.Txh6 folgte 41...Df1+ in der Hoffnung auf 42.Kxf1? c1D+ nebst 43...Dxh6=, aber Stremavicius spielte stattdessen 42.Kh2! Df2+ 43.Kh3 Df1+ 44.Kh4 (siehe Diagramm)

und Schwarz gingen die Schachs aus. Auf 44...c1D käme nun einfach 45.Dh7+ Kf7 46.g8D#. Die Partie endete 44...Df6+ 45.Txf6 c1D 46.De6+ Kh7 47.Df5+ und Schwarz gab auf.


FRANKREICH – BOSNIEN UND HERZEGOWINA
GM Vachier-Lagrave – IM Culum
Stellung nach 13...Df6

 

Eine aus meiner Sicht stets vernachlässigte Qualität der Spitzenspieler sind ihre Verteidigungskünste. MVL stellte diese schön zur Schau:

14.Sc3! Sxf2 15.Sa4! Das Doppelschach 15...Sh3+ bringt jetzt nichts, und auch 15...Ld4 scheitert an 16.Le3 Sed3 17.Lxd4+ Dxd4 18.Db6! (siehe Diagramm)

Analysediagramm

18...Sh3+ 19.Kh1 Sdf2+ 20.Kg2+-. Ebenfalls zu nichts führte die Partiefortsetzung: 15...Sed3 16.Sxc5 Sh3+ 17.Kg2 Se1+ 18.Kh1 (siehe Diagramm)

18...Sf2+ 19.Txf2 Dxf2 und nun nicht etwa 20.De3? Dxe3 21.Lxe3 Sc2= sondern noch cooler 20.Ld2! Dxe2 21.Txe1! (21.Lxe1?? Df1#) 21...Dxd2 22.Sf3! Dh6 23.Txe4+ mit Gewinnstellung. Weiss gewann sechs Züge später.


IRAN – BELGIEN
GM Tabatabaei – IM Maerevoet
Stellung nach 47...h6

 

Diese Partie hält aus meiner Sicht den Titel für die ästhetischste Schlussstellung des Turniers.

Amin Tabatabaei spielte 48.Se6+! Lxe6 49.fxe6 und nach 49...Ta7 50.Lf1 gab Schwarz auf. Es stellt sich heraus, dass obwohl die Stellung materiell ausgeglichen ist, Schwarz komplett immobilisiert ist. Der Springer hat keine Felder, der König kann nicht ziehen und der Turm ist auf wenige Felder auf der a-Linie und der 8. Reihe beschränkt. Weiss kann in aller Ruhe 51.Lh3, 52.Lf5, 53.Lh7 und 54.Tg8# spielen und es gibt nichts, was Schwarz dagegen unternehmen kann.


AUSTRALIEN – ZYPERN
IM Sardana – FM Michaelidis
Stellung nach 35.Tf2

 

Diese Stellung gilt als täglicher Reminder, sich immer auf alle taktischen Möglichkeiten des Gegners zu achten.

Hätte Schwarz hier z.B. 35...Te6 gespielt, hätte er wohl mühelos gewonnen. Stattdessen war er unvorsichtig und zog 35...b4? Damit schenkte er dem Gegner nach 36.e6+! bxc3 37.Dxc3+ Kg8 38.Dg3+ Kh8 39.Dc3+ unnötigerweise einen halben Punkt.


OMAN – NORWEGEN (F)
Al Mamary – WGM Koskela
Stellung nach 53...Txg2

 

Apropos halbe Punke schenken. In dieser Stellung steht Schwarz natürlich komplett auf Gewinn. Weiss griff aber noch einmal in die Trickkiste und kam dank der Unachtsamkeit (um nicht zu sagen Überheblichkeit...) der Gegnerin tatsächlich zum Erfolg.

54.Sc3!? Sxc3?? (gut wäre z.B. 54...g5+) 55.Td5+! Ke4 56.Te5+ Kf4 57.Te4+ Kf3 58.Te3+ Kf4 59.Te4+ Kf3 60.Tf3+ Kf2 61.Te2+ Sxe2 patt.


ST. VINCENT UND DIE GRENADINEN – ÄQUATORIALGUINEA
Shetty – Naranjo Gonzales
Stellung nach 56...Tf2

 

Auch in diesem Beispiel hätte es sich gelohnt, auf Patt zu spielen.

57.Tg8+ Kf6 Nun hätte 58.Txg5! Txf3+ 59.Kg2= einfach zum Remis geführt. In der Partie bevorzugte es Weiss, mattgesetzt zu werden mit 58.Kg4?? Tg2+ 59.Kh5 (59.Kh3 Tg3+ -+) 59...Th2+ und Weiss gab auf.


USA – ANDORRA (F)
IM Abrahamyan – De La Riva Real
Stellung nach 82.Lg6

 

Ein anderes Motiv, mit dem man im Endspiel manchmal unerwartet halbe Punkte retten kann, ist das Prinzip des falschen Läufers.

Einziger Remiszug war 82...Sg4! mit der Idee nach 83.e6 (83.Ke4 Sxe5!=) 83...Se3+ 84.Ke5 Sc4+! 85.Kf5 Sd6+! 86.Kg5 Kxe6 nebst 87.Sf7 die Stellung zu halten. In der Partie verpasste Schwarz ihre Chance und zog 82...Sg8?, wonach Weiss mit 83.Ke4 Sh6 84.Kf4 Sg8 85.Kg5 Ke6 86.Lh7! Se7 87.h6+- schliesslich gewann.


FRANKREICH – MEXIKO (F)
IM Guichard – WIM Miranda Rodriguez
Stellung nach 39.Kxg5

 

Präzise Berechnung im Läuferendspiel zeigte die Mexikanerin Tania Miranda Rodriguez in dieser Partie.

39...Lxf3! 40.gxf3 h3! rettet Schwarz einen halben Punkt. Es folgte 41.f4 h2 42.Le4 exf4 43.Kxf4= und der schwarze König wird rechtzeitig den a3-Bauern einsammeln.


TÜRKEI – BANGLADESCH
GM Can – GM Murshed
Stellung nach 59...Kc8

 

Manchmal vergessen auch erfahrene Grossmeister wie Emre Can bekannte Remisfestungen.

In der Partie folgte 60.Kg5? und nach 60...Kb8 61.Kf4 Ka7 62.Th7+ Ka8!! 63.Tf7 Ta4+ 64.Ke3 Tb4! 65.Txf5 Ka7 entstand eine elementare und extrem wichtige Remisposition (siehe Diagramm).

Es entsteht nun unweigerlich eine Remisposition nach Horwitz & Kling, siehe Seite 211 in eurer Endspieluniversität...

Es folgte weiter: 66.Kd3 Kb6 67.Kc3 Ta4 68.Td5 Th4 69.Td8 Th5 70.Tb8+ Ka7 71.Tb7+ Ka8 72.Kb4 (siehe Diagramm)

72...Th4+ 73.Ka5 Ta4+! 74.Kb6 Txa6+! 75.Kc7 Tc6+ 76.bxc6 patt.

In der Ausgangsstellung gewonnen hätte 60.Tb6! Nun schwafft es der schwarze König nicht in die Ecke und Weiss sollte leicht gewinnen.


SENEGAL – AUSTRALIEN
Mlik – GM Smerdon
Stellung nach 77...Lb5

 

Der senegalesische Amateur Omar Mlik verpasste in dieser Stellung ein fast schon studienhaftes Remis gegen Grossmeister David Smerdon.

78.Lc5+!! Ein brilliantes Doppel-Figurenopfer. 78...Kxc5 (oder 78...Kxe5 79.Lxf2 gxf2 80.e8D+ Lxe8 81.Ke2=) 79.Sd3+! Lxd3 80.e8D f1D und Weiss sollte Dauerschach haben, sofern er vorsichtig genug ist (siehe Diagramm).

Analysediagramm

81.De5+ Kc6 82.De6+ sollte remisieren, nicht aber 82.Dxg3? wegen dem fast ebenso studienhaften 82...De2+ 83.Kc3 Dc2+ 84.Kd4 Dc5+! 85.Kxd3 Da3+ -+.

In der Partie kam stattdessen 78.Sf3? und Schwarz gewann nach 78...Kd5 79.Lxg3 f1D -+ ohne Probleme.


ST. LUCIA – GRENADA
Nunez – Mendez
Stellung nach 54...Kc4

 

Auch dieses Endspiel könnte genausogut aus der Feder eines Studienkomponisten stammen.

In der Partie versuchte Weiss 55.axb6? Sxb6! 56.Tb4+ Kc5 57.Txe4, was aber nach 57.Sc4+ 58.Kc3 Sxa3= nur zum Remis führte.

Der Gewinn war möglich mit 55.Tc3+!! Sxc3 (55...Kd4 56.a6+-) 56.axb6 e3+ 57.Ke1! und Weiss gewinnt.


MALI – SAUDI-ARABIEN (F)
Maiga – Alreshidi
Stellung nach 23...Tac8

 

Zum Schluss noch etwas aus der Kategorie "Pleiten, Pech und Pannen". Ich könnte ein ganzes Buch füllen mit Partien, in denen Gewinne einzügig hergeschenkt wurden. Ich beschränke mich auf dieses elegante Beispiel.

Eine risikolose Gewinnstellung hätte Weiss beispielsweise nach 24.Dxe6+ Dxe6 25.Sxe6+-. Stattdessen wurde sie gierig und spielte 24.Sd7?? und wurde nach 24...Dxf2+ aus ihren Träumen gerissen.


TUNESIEN – BRUNEI (F)
WCM Rjeb – Pg Hj Janudin
Stellung nach 5.De2

 

Aber es geht bekanntlich immer noch schlimmer.

5...Sbd7?? 6.Sd6#

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