7 spannende Fakten zu Chess960

Anlässlich unseres kommenden Turniers: Einige "Fun Facts" zu 960er-Schach.

Am 10. September 2026 findet erstmals seit fünf Jahren wieder ein Réti-eigenes Klubturnier in Chess960 (oder Fischer-Random-Schach, oder Freestyle Chess) statt. Höchste Zeit also, sich ein bisschen genauer mit dieser Schachvariante auseinanderzusetzen. Anbei habe ich sieben spannende Fakten zusammengestellt, mit denen du bei deinen Kollegen aus anderen Schachvereinen angeben kannst. Viel Spass und bis am 10. September!

– Anselm

 

Hier geht's zur Ausschreibung des Chess960-Turniers

 

Fakt #1: Es gibt 960 verschiedene Startpositionen.

Beim Chess960 werden die acht Spielfiguren auf der Grundreihe zufällig verteilt, wobei es zwei Einschränkungen gibt: Erstens muss der König zwischen den beiden Türmen stehen, zweitens müssen die beiden Läufer ungleichfarbig sein. Die Bauern bleiben unverändert auf der zweiten bzw. siebten Reihe, die Aufstellungen von Weiss und Schwarz sind spiegelbildlich.

Dass es genau 960 verschiedene Ausgangspositionen gibt, sieht man durch eine einfache kombinatorische Überlegung: Für die beiden Läufer hat man jeweils vier verschiedene mögliche Startfelder, macht total 16 mögliche Positionen für die beiden Läufer. Die Dame kann anschliessend auf ein beliebiges der übrigen sechs freien Felder platziert werden. Die beiden Springer haben dann noch fünf freie Felder zur Verfügung, wofür es zehn verschiedene Möglichkeiten gibt. Schliesslich bleiben für die beiden Türme und den König noch drei Felder übrig; Hier haben wir aber keine Wahlmöglichkeit, sondern müssen sie in der Reihenfolge Turm-König-Turm auf den verbleibenden drei Felder platzieren. Macht nach Adam Riese also 16 mal 6 mal 10 gleich 960 verschiedene Startpositionen.

 

Fakt #2: "Fischer-Random", "Chess960", "Freestyle", ... alles dasselbe.

Zu Anfangszeiten nannte man die Variante noch "Fischer-Random-Schach", in Anlehnung an Bobby Fischer, der als dessen Erfinder galt. Nachdem Fischers Ansehen in den späten 90er-Jahren durch seine provokanten politischen Aussagen zunehmends angekratzt wurde, etablierte sich der von Hans-Walter Schmitt vorgeschlagene Name "Chess960". In den 2020er-Jahren wurde die Bezeichnung "Freestyle Chess" zunehmends populär – der Name wird unter anderem von der gleichnamigen Schachorganisation des Schachmäzens Jan Henric Büttner und Magnus Carlsen verwendet.

 

Fakt #3: Bei gewissen Startpositionen kann man schon im ersten Zug rochieren.

Im Chess960 gibt es, analog zum alten Schach, zwei Rochaden: Die sogenannte g-Rochade (oder kurze Rochade), und die c-Rochade (oder lange Rochade). Dabei wird der König auf die entsprechende Linie gesetzt (g- oder c-Linie), der Turm auf der jeweiligen Seite des Königs kommt ein Feld daneben. Sind also z.B. in der Startposition die Türme auf der a- und c-Linie und der König auf der b-Linie, so würde Weiss bei der kurzen Rochade den König nach g1 und den Turm von c1 nach f1 stellen; Bei der langen Rochade würde der König von b1 nach c1 und der Turm von a1 nach d1. Dabei gelten die üblichen Einschränkungen: König und der entsprechende Turm dürfen noch nie gezogen haben, der König darf nicht im Schach stehen und auch auf keinem von einer gegnerischen Figur kontrollieren Feld landen bzw. ein solches überqueren. Auch darf sich keine Figur auf oder zwischen den an der Rochade beteiligten Feldern befinden.

Ein Konsequenz dieser etwas gewöhnungsbedürftigen Regel ist: In manchen Stellungen ist es möglich, schon im ersten Zug zu rochieren, wenn z.B. die Könige auf der d-Linie und ein Turm auf der c-Linie steht. Eine solche Stellung gab es unter anderem in GM Sebastian Bogners Partie gegen Arjun Erigaisi am Grenke Freestyle Chess Open 2025, siehe hier.

 

Im Jahr 2009 fand in Mainz ein Chess960-Turnier statt

 

Fakt #4: Chess960-Profis nennen das traditionelle Schach einfach "518-Schach".

Es existiert ein (eher kompliziertes) Nummerierungs-Schema, mit dem alle 960 verschiedenen Startstellungen zwischen 1 und 960 durchnummeriert sind. Die Details dazu kann man hier nachlesen.

Gemäss dieser Nummerierung hat die traditionelle Startstellung die Nummer 518.

 

Fakt #5: Ähnliche Varianten existierten schon lange vor Bobby Fischer.

Bobby Fischer wird oft als Urheber von Chess960 genannt. Er soll damit versucht haben, das Schachspiel zu "retten"; Aus seiner Sicht soll das "alte Schach", wie er es nannte, zu Theorie-lastig geworden sein. Obwohl vor Fischer schon andere ähnliche Schachvarianten vorgeschlagen wurden, war Fischers Vorschlag insofern neu, als dass er die Rochade beibehalten wollte. In vielen Vorreitern des modernen Chess960 war jeweils auf das Rochaderecht verzichtet worden.

Der in der Schweizer Schachszene bekannteste Vorreiter ist das 1921 von Anselm Erich Brunner vorgeschlagene "Freischach". Hierbei wird die Grundposition nicht ausgelost, sondern von den Spielern vor Beginn der Partie gesetzt. Ausserdem gibt es, je nach Regelvariante, keine oder eine stark abweichende Rochaderegel. Durchsetzen konnte sich diese Schachvariante allerdings nie.

 

Bild des Grenke Chess Open, wo inzwischen jährlich ein stark besetztes Chess960-Open-Turnier stattfindet

 

Fakt #6: Nicht alle Startstellungen sind gleich "fair".

Im normalen 518-Schach hat Weiss bekanntlich einen gewissen Anzugsvorteil. Eine 2018 auf Steinar Gundersons Supercomputer Sesse durchgeführte Engineanalyse ergab für die übliche Startposition einen Vorteil von +0.22 für Weiss. Die Gemäss dieser Untersuchung "unfairste" Chess960-Startstellung ist LLSSTKTD (Position #80) mit einem Anzugsvorteil von +0.57. GM Robert Hess führt dies darauf zurück, dass Weiss dank des Extratempos schneller seine Dame und Läufer über die langen Diagonalen entwickeln kann als Schwarz (siehe hier).

Andererseits gab Sesse auch 27 Stellungen die Bewertung 0.00. Sesses vollen Untersuchungsergebnisse finden sich hier.

 

Fakt #7: Chess960 wird immer populärer!

Inzwischen gibt es mit der Organisation "Freestyle Chess" einen prominenten Förderer dieser Schachvariante, dem verschiedene Schachgrössen wie z.B. Magnus Carlsen angehören. Das wohl grösste Chess960-Turnier der Welt, die GRENKE Freestyle Chess Open, findet wachsenden Zuspruch in allen Spielstärken. In der Schweiz wird im Rahmen des Bieler Schachfestivals jährlich eine Rapid Fischer Random Schweizermeisterschaft durchgeführt. Aktuelle Schweizermeisterin ist übrigens Ghazal Hakimifard.

Es spricht alles dafür, dass Chess960 in den kommenden Jahren noch grösser wird. Man darf gespannt sein, was die Zukunft für Chess960 bringt!

 

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