Die Krönung des grossen Drachen

Heute vor 11 Jahren: Der Chinese Wei Yi spielt die unsterbliche Stiller-Zug-Partie.

Wenn man bedenkt, dass die Volksrepublik China knapp 1.4 Milliarden Einwohnern hat, überrascht es im ersten Moment nicht, dass auch einige darunter sind, die Schach spielen können. Die "Chinese Chess Association" (CCA) zählt aktuell etwa 300'00 Mitlglieder (zum Vergleich: der Schweizerische Schachbund SSB hat etwa 8'000), doch die Zahl der Chinesinnen und Chinesen, die gelegentlich Schach spielen, dürfte noch um einiges höher sein.

Strategische Brettspiele haben in China eine recht lange Tradition. Das indische Spiel Shatranj, das als eines der möglichen Vorgänger des modernen Schachs gilt, verbreitete sich spätestens im 9. Jahrhundert Richtung Osten, wo es in leicht abgewandelter Form als Xiàngqí, wörtlich "Elefantenspiel", bis heute erhalten blieb. Xiàngqí ist derzeit das beliebteste Brettspiel im Reich der Mitte, sogar noch vor dem im Westen besser bekannten Go. Das moderne Schach liegt nur auf Rang drei – aber mit immer knapper werdendem Rückstand.

Schach wird in China aktiv gefördert. In den 1970er Jahren starteten die Chinesen das Projekt "Big Dragon", das zum Ziel hatte, die Popularität und das Niveau des Schachspiels in China anzuheben. Damit steht Schach in einer Reihe mit anderen Sportarten, die von der chinesische Regierung gezielt zur Förderung ausgewählt wurden; Man vergleiche etwa Chinas Bemühungen der letzten Jahre, die sportliche Lücke gegenüber dem Westen im Fussball oder im Wintersport zu tilgen.

Der Ablauf der Förderung erfolgt dabei immer nach demselben Muster, dem "Vier-Stufen-Plan": Zuerst die Frauen, dann die Männer, zuerst das Team, dann Einzel. Der Erfolg dieses Rezepts lässt sich am Beispiel Schach besonders einschlägig zeigen: Mit Xie Jun errang 1991 erstmals eine Chinesin den Weltmeistertitel, und seit 2016 kam jede Weltmeisterin im Frauenschach aus China. Das Frauen-Nationalteam gewann bei der Olympiade seit 1998 sechsmal Gold; Die Männer taten es ihnen 2014 und 2018 gleich. Schliesslich wurde 2023 mit Ding Liren auch erstmals ein Chinese Weltmeister in der Open-Sektion.

Die chinesischen Schachförderung hat zu einem gewissen Grad auch ein diplomatisches Ziel. Viele Experten sehen darin die Fortführung einer kalkulierten Strategie, mit der Beijing sein internationales Ansehen verbessern, aber auch sogenannte "Soft Power" ausüben möchte. Schach als Abbild internationaler Beziehungen und Machtkämpfe – spätestens seit dem WM-Match 1972 ist Schachkennern dieses Muster bekannt.

Aber lassen wir die Politik doch mal beiseite... Vergnügen wir uns lieber mit dem schachlichen Können, das die vielen chinesischen Talente der letzten Jahre aufs Brett gezaubert haben. So zum Beispiel die folgende Partie: Sie wurde zwischen dem chinesischen GM Wei Yi und dem kubanischen (heute US-amerikanischen) GM Lázaro Bruzón am 3. Juli 2015 an einem Turnier in Danzhou gespielt. Wei Yi zeigte dabei eine Opferkombination, die an die zeitlosen Klassiker der romantischen Ära erinnert, wie in der "Unsterblichen Partie" oder der "Immergrünen". Beobachter nannten die Partie bereits die "Chinesische Unsterbliche", die "Unsterbliche Stiller-Zug-Partie" oder ganz einfach die beste Partie des 21. Jahrhunderts. Bist Du einverstanden? Sieh' selbst...

 

Was ist Deine Lieblingspartie aus dem 21. Jahrhundert? Hast Du selber auch schon mal eine "Unsterbliche" gespielt? Lass es uns wissen in der Kommentarspalte.

 

Réti Rewind

Dieser Artikel ist Teil einer losen Serie, in der wir Jubiläen verschiedener Ereignisse aus der Schachgeschichte beleuchten. Die bisherigen Artikel:

 

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