Ein spezieller beidseitiger Zugzwang

Präsentation einer ungewöhnlichen und bemerkenswerten Endspielstellung.

Jüngst machte ich bei der Analyse einer meiner Online-Blitzpartien eine interessante Entdeckung, die ich gerne mit der Welt teilen würde. Es geht um folgende Stellung:

Was ist an diesem Endspiel so ungewöhnlich? Ich behaupte: In dieser Stellung herrscht beidseitiger Zugzwang! Konkret: Wenn Weiss am Zug ist, dann ist die Stellung remis; Wenn jedoch Schwarz am Zug ist, so gewinnt Weiss.

Stellungen mit beidseitigem Zugzwang sind an sich natürlich nichts aussergewöhnliches. Man denke z.B. an die Opposition im Endspiel König-und-Bauer-gegen-König, oder an die Trébouchet-Position (wKe5 wBd4 sKc4 sBd5), in der die Partei, die am Zug ist, sogar verliert (in der englischen Fachliteratur nennt man dies einen "full-point mzug"). Beidseitiger Zugzwang ist aber ein typisches Merkmal von Bauernendspielen – in anderen Endspielsorten kommen sie nur höchst selten vor. Eine Tablebase-Suche hat z.B. ergeben, dass es nur gerade 209 beidseitige Zugzwangstellungen im Endspiel König-Turm-und-Bauer-gegen-König-und-Turm gibt. In einer separaten Suche wurden noch andere "mzug"-Stellungen gefunden. Einige bemerkenswerte Funde sind hier zu finden. Eine Zusammenstellung der Anzahl beidseitiger Zugzwangstellungen mit maximal 6 Steinen findet sich hier.

Das bemerkenswerteste Beispiel eines beidseitigen Zugzwangs in einer praktischen Partie auf Super-GM-Niveau, das ich finden konnte, erreignete sich in der 5. Runde des Wijk-aan-Zee-Turniers 2024 zwischen Ju Wenjun und Alireza Firouzja; Nach 56.Kf2 zeigten die Engines, dass beidseitiger Zugzwang herrscht. Dies lässt sich auf einem Lichess-Analysebrett schnell verifizieren. (Weiss am Zug, Schwarz am Zug)

Was ich aber an der obigen, "von mir entdeckten" Stellung interessant finde, ist dass Weiss nicht nur einen Turm, sondern auch noch einen Läufer hat; Es scheint absurd zu denken, dass es nicht möglich ist, mit Weiss einen Wartezug zu machen, ohne die eigene Stellung zu verschlechtern. Im Gegensatz zur Ju-Firouzja-Stellung scheinen die weissen Figuren ja relativ viel Freiheit zu haben.

Ich möchte niemandem den Spass wegnehmen, die Stellung selber ein bisschen zu erforschen; Schalte gerne die Engine an und versuche zu verstehen, wieso weder Schwarz noch Weiss einen Zug hat, der die eigene Situation nicht verschlechtert. Hier die Links zu den Analysebrettern:

Weiss am Zug

Schwarz am Zug

Hast Du die Stellung entschlüsselt? Oder hast Du selbst ein besseres Beispiel eines beidseitigen Zugzwangs? Melde dich gerne bei mir. Ich freue mich über euer Feedback.

– Anselm

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