Evgenys SEM-Bericht, Teil 1
Am Freitag, 11.Juli, reiste ich mit dem Zug und Bus nach Grächen, zu meiner ersten SEM. Ich war sehr gespannt, denn mein letztes Turnier war Isle of Man Open 2017, wo Magnus und Hikaru in meiner Reihe sitzen durften.

Seit dem habe ich klassische Partien nur im Ligabetrieb gespielt und das ist natürlich ein grosser Unterschied, 9 Tage nacheinander zu spielen.
Die Anreise verlief problemlos, ich war schon zur Mittagszeit da und konnte nach einem kurzen Spaziergang am Nachmittag vom Hotelzimmer arbeiten. Die ersten Eindrücke von Grächen, was 1619m hoch liegt, waren vielversprechend!

Am Abend ging es zur Eröffnungszeremonie. Nach kurzen und nicht langweiligen Reden – wir lernten, dass im Wallis man sich schon am Nachmittag Guten Abend wünscht, dass Raclette zu jeder Zeit gegessen wird und dass Skifahren und Schach einige Gemeinsamkeiten haben, war der wichtigste Teil für die Spieler da – die Auslosung. Startend mit der höchsten ELO sollten wir Bergkristalle ziehen.

Die Auslosung ergab für mich, dass ich mit zwei GMs starten würde und danach zweimal Schwarz habe. Hätte besser laufen könne dachte ich mir, aber ok.
Die ersten drei Tage der SEM verliefen in der Tat aus meiner Sicht leider wenig erfolgreich: drei Partien, drei Niederlagen. Das eigentliche Highlight der ersten Turniertage wartete deshalb nicht am Schachbrett, sondern beim Wandern. Ein Hirsch kreuzte meinen Aufstieg zur Hannigalp auf 2114m vorm Frühstück und sorgte für den wohl schönsten Moment bis dahin. Nach unten ging es dann mit der Gondel.


Ich glaube, ich war der einzige im Titelturnier, der Wanderkleidung und -schuhe mitnahm. Wenige Stunden nach der Begegnung mit dem Hirsch spielte ich in der ersten Partie mit Schwarz gegen GM Li-Min Peng die Eröffnung etwas zu sorglos und fand mich schon früh in einer schwierigen Stellung. In der zweiten Runde mit Weiss gegen GM Nico Georgiadis wurde ich von Slawisch überrascht. Nico hat die Eröffnung speziell für die SEM vorbereitet. Ich habe eine zweifelhafte Nebenvariante im Anti-Meran gewählt, in der Hoffnung, dass er diese nicht kennt – falsch spekuliert.
11.Ld3 ist hier normal und führt zur leicht schlechteren Stellung. Ich habe eine Neuerung am Brett gefunden mit 11.Le3 mit der Idee, lang zu rochieren. Es führt zu einer sehr interessanten Stellung, die ich fast korrekt als ausgeglichen eingeschätzt habe. Fast, weil nach 11…Lb4+ 12.Sd2 Se5 13.0-0-0 Sg4 14.Sb3
14…Ld6! den Vorteil für Schwarz behält (statt 14…De7 wie in der Partie). Die Idee ist, dass auf 15.c5 De7 noch stärker ist, da nach dem Damentausch Weiss nicht mehr das Feld c5 für die Leichtfiguren hat, der Bauer c5 manchmal schwach ist und beides nach a7-a5-a4 sichtbar wird.
In der Partie kam 14…De7 und auch ohne Damen wurde es wenig später sehr komplex, z.B. musste man hier
17…Lg5+ 18.Kc2 Td4!? rechnen. Wir haben beide sehr viel Zeit verbraucht und kurz vor der Zeitnotphase hat mich Nico mit 18…h5!? überrascht.
Praktisch ein guter Zug, denn es gibt einfach sehr viele Möglichkeiten für Weiss. 19.h3 Sf6 20.Lf6 Lf6 21.Lh5 gewinnt einen Bauern, aber Schwarz hat Kompensation mit dem Läuferpaar. 20.g4 opfert einen Bauern aus weisser Sicht und führt auch zu interessanten Stellungen. Ich habe mich mit 20.Lc5 für einen anderen Zug entschieden und hätte wenig später einen direkten Weg zum einfachen Ausgleich gehabt.
22.The1 (statt 22.Thf1 in der Partie). Weiss nimmt den Doppelbauer in Kauf mit 22…Lf3 23.gf, da nach 23…Lc5 24.Sc5 der Springer dadurch ein sehr gutes Feld auf e4 bekommt. In der Partie war es dann schwierig die passive Stellung mit wenig Zeit zu verteidigen.
In der dritten Runde hatte ich Schwarz gegen IM Oliver Kurmann. Ich habe die vorbereitete Variante gegen die Englische Eröffnung am Brett vergessen und dann eine forcierte Variante zum ausgeglichenem Endspiel ausgelassen.
Hier geht 14…0-0 (statt 14…a4 Partie). 15.b4 ab 16.ab Ta1 17.bc Td1 18. Td1 und jetzt
18…e5 19.Tb1 Lf5 und auf 20.Se1 Ta8! gibt Schwarz genug Gegenspiel in einem Endspiel, was von weitem für mich schlecht aussah…
Danach habe ich versucht die Stellung zu verkomplizieren:
Leider funktionierte es nicht und Oliver hat erfolgreich alle Minen umschifft, die letzte hier:
28. Kh1!, sieht nach 28…hg gefährlich aus (29.hg Ta5 und es droht Th5 Matt), aber 29.a5 führte zu klarem weissen Vorteil.
Damit startete ich enttäuschend mit 0 aus 3. Es ging auch darum, die richtige Balance für die Vormittage zu finden, denn die Partien begannen um 13:30 und ich wachte jeden Morgen spätestens um 7 Uhr auf. Zu viel Vorbereitung ist nicht gut, zu viel wandern vielleicht auch nicht. Und was macht man mit Mittagessen? Ich bevorzugte grosses spätes Frühstück und kein Mittagessen. Die Abendroutine war gemeinsam mit Gabriel Gähwiler zu essen (wir war der einzigen Titelturnier-Teilnehmer in unserem Hotel) und meistens würden wir danach den anderen Reti-Spieler im Titelturnier, Daniel Fischer, für einen Spaziergang treffen.
– Evgeny