Evgenys SEM-Bericht, Teil 2
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Nach 0/3 war meine Laune natürlich nicht die Beste, trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass ich sehr schlecht spiele und war optimistisch, dass ich noch einige Punkte sammeln werde. Meine Vorbereitung begann meistens mit einem kurzen Check am Abend davor, um abschätzen können, ob ich am nächsten Morgen eine oder drei Stunden brauche. Dabei stellte ich fest, dass die Vorbereitung auf FM Colin Federer, der auch mit drei Niederlagen startete, relativ kurz sein wird. Deswegen habe ich mich entschieden, vor der 4.Runde wieder vorm Frühstück etwas wandern zu gehen. Eigentlich wollte ich zum Grächner See und danach Shinryoku Pfad laufen (dazu mehr später im dritten Rückblick), aber konnte den Pfad nicht finden und bin auch einmal falsch abgebogen, sodass die Wanderung länger als geplant dauerte. Zumindest den wunderschönen See habe ich gefunden.

Bei der Vorbereitung habe ich gemerkt, dass Colin fast immer Italienisch mit d3 und Lg5 spielt.
Darauf habe ich die Variante mit Le7 vorbereitet, mit der Idee später Kh8, Sg8 oder Sh7 und f5 zu spielen. So kam es auch und ich habe schnell eine angenehme Stellung bekommen.
Man hat einen einfachen Plan am Königsflügel zu spielen, jetzt muss man sich aber entscheiden 12...Sa5 oder Sd8 ? Ich war mir während der Partie nicht sicher und war dann sehr gespannt, was Stockfish dazu sagt. Sa5 gewinnt ein Tempo, weil der Läufer ziehen muss und danach kann ich direkt f5 spielen. Dafür bleibt der Springer am Rand für längere Zeit. 12...Sd8 hat die Perspektive über e6-f4 den Angriff am Königsflügel zu unterstützen und ist vielleicht der menschliche Zug. Die Engine findet 12...Sa5 tatsächlich 0.1 besser als Sd8!
Colin hat hier mit 17.Sh4? einen groben Fehler gemacht. 17.d5 mit der Idee Sd4 war die beste Fortsetzung. Darauf habe ich 17…c6 18.Sd4 Lh7 19.bc bc 20.dc d5 geplant. Laut Engine ist es ausgeglichen, aber es ist deutlich einfacher für Schwarz zu spielen.
In der Partie hatte Schwarz nach 17.Sh4 Lh7 schon klaren Vorteil. Der Bauer e4 bekommt bald mit d5 Unterstützung und danach kommt der Springer von d8 nach f4 oder g5. Ausserdem muss Weiss aufpassen, dass man den Springer auf h4 nicht verliert und auch der Bauer f2 bietet weitere Angriffsfläche. Deswegen ist der weisse Plan mit f2-f3 naheliegend, aber kann nicht alle Probleme lösen. Der entscheidende Fehler kam wenige Züge später.
23.Dd2?? g5 24.Sg2 Se5! Es droht die Gabel auf f3 und Weiss kan den Springer wegen des Damenverlusts nicht nehmen. Dadurch gewinnt Schwarz die Qualität und mit der Kontrolle über die f-Linie und dem starken e4 Bauern ist die Verwertung relativ einfach.
Endlich ein Sieg! Der Rest des Tages verlief wie bereits im ersten Teil des Rückblicks beschrieben – Abendessen mit Gabriel, und danach mit ihm und Daniel ein Spaziergang. Diesmal sind wir ganz durch Grächen gelaufen und wollten eigentlich zum Fluss, der auf googlemaps eingezeichnet ist. Der Fluss sah dann so aus:

Der Waldweg zurück war trotzdem sehr schön

und Wasser haben wir dann auch noch gefunden.

Am nächsten Tag hatte ich Weiss gegen IM Teimur Toktomushev. Die Vorbereitung war schwierig, ich konnte mich lange nicht enscheiden, ob ich Nimzo-Indisch, Damenindisch oder Katalanisch spiele, überall hat Schwarz Ausgleich 😉 Am Ende habe ich mir ganz kurz Katalanisch angeschaut und mich entschieden hier
8.h4 zu spielen. Auf 8.h4 b6 habe ich dann nur kurz gesehen, dass die Engine als eine der besten Optionen 9.Lf4 und 10.cd vorschlägt und so kam es auch. Das hat mich an die Zeiten vor 20 Jahren erinnert, wo ich solche Stellungen oft gewonnen habe.
Leider hätte ich damals auch 18.Tc2 gespielt, was nach 18…Sc4 19.Tac1 b5 20.Se5 zu einer angenehmen Stellung für Weiss führt – am Damenflügel ist alles sehr stabil und am Königsflügel kann Weiss etwas probieren. In der Partie folgte 18. Se5 Sc4 und auch hier wäre 19.Tc2 am besten - opfert einen Bauern nach 19…Sb2 20.Tb2 Tc3, aber die weisse Initiative am Damenflügel ist stark genug und bietet genug Kompensation. Laut Engine ist Weiss hier immer noch in Vorteil. Stattdessen spielte ich 19.De2 und Schwarz gewann langsam die Überhand. Wir waren beide schon in Zeitnot und es folgten einige Fehler von beiden Seiten. Schwarz gab klaren Vorteil aus der Hand und im 40.Zug entstand diese Stellung:
Die Stellung ist objektiv ausgeglichen, wobei mit wenigen Sekunden auf der Uhr ist es nicht einfach zu sehen, dass 40…Se4 41.Df4 Tb6 am besten ist. Der Turm auf b6 deckt den Läufer auf b7 und verteidigt gegen die Drohung Db8+. Manchmal spielt es auch eine wichtige Rolle, dass der Turm nach h6 kann, z.B. 42.Db8+ Kh7 43.Th1 Dd4 44.Th5+ Th6.
Schwarz spielte 40…Te4? und opferte die Qualität . Ich wusste die Stellung muss gewonnen sein, verbrauchte aber zu viel Zeit für die nächsten vier Züge und war sofort wieder in Zeitnot. Das war einfach nicht praktisch, denn zumindest 41.Se4 de 42.Df4 hätte ich viel schneller spielen können anstatt zu versuchen alles genau zu berechnen. Unter anderem habe ich viel Zeit für 42…Sb5 43.ab Dd4 und besonders für 42…Ld5 gebraucht. Die Bauern auf b3 und d4 hängen, 43.Lc4 Lc4 44.bc gibt Schwarz einen gefährlichen Freibauern. Das wurde dann schnell Makulatur, denn Teimur spielte 42…Kh7. Objektiv schlechter als 42…Ld5, aber es war eine Überraschung für mich und ich musste wieder überlegen.
Es gibt viele Optionen, aber ich konnte keinen direkten Gewinnweg finden. Viele verlockende Züge haben auch Nachteile, z.B. hat Schwarz nach 43. f6 Dg6 die Möglichkeit mit der Dame nach c2 zu kommen (nach dem Zwischenschach mit e4-e3) und damit für Gefahr zu sorgen. Mit 43.Lc4 habe ich noch den besten gespielt, aber leider nach 43…Dd4 den Vorteil aus der Hand gegeben. Teimur sagte mir nach der Partie, dass ich hier 44.Dg5 spielen konnte, allerdings hatte er nicht gesehen, dass nach 44…e3+ 45.Kh3 Lf3! sehr stark ist und 44.Lf7 Dg4+ 45.Dg4 hg ,und Schwarz gewinnt, denn den Turm kann man mit einer Leichtfigur auf d1 blockieren und dann läuft der Bauer durch. Deswegen habe ich 44.Dg5 nicht gespielt, allerdings hätte mir einfallen können, dass man den h5 Bauern auch mit 44.Dh4 angreifen kann. Der Unterschied ist, dass nach 44…e3 45.Kh3 Schwarz die Damen tauschen muss oder den Bauern h5 abgeben. Nach 45…Dh4 46.Kh4 Lf3 hat Weiss jetzt die Zeit den Turm aus der Ecke mit 47.Te1 rauszuholen. Alternativen zu 44…e3 verlieren h5 auch und damit ist die weisse Aufgabe zu gewinnen deutlich einfacher, auch wenn die Stellung mit wenig Zeit immer noch nicht ganz angenehm zu spielen ist.
In der Partie habe ich 44.Dc7 gespielt und wenige Züge später in dieser Stellung
den entscheidenden Fehler gemacht. 51.Kg2 wäre am besten, Weiss muss gegen die zwei Freibauern aktives Gegenspiel organisieren und der Zug bereitet g4/Th1 Idee vor. Stattdessen habe ich 51.g4? gespielt und nach 51…Dd3+ und 52…Df3 kann ich den Damentausch nicht verhindern und der Turm kann die Bauern nicht aufhalten.
Die Niederlage tat natürlich weh und war ein Dämpfer nach dem Sieg am Vortag. Glücklicherweise hatte ich am Abend zwei Bekannte aus Basel fürs Abendessen getroffen und wurde dadurch etwas abgelenkt.
Am nächsten Tag ging es gegen den anderen Spieler in meinem Hotel – IM Gabriel Gähwiler. Ich hatte Schwarz wie bei der SMM Endrunde letztes Jahr. Damals habe ich Chebanenko-Slawisch gespielt (1. d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 und 4… a6), seitdem habe ich öfters auch die Janowski-Variante im Damengambit gespielt (1.d4 d5 2.c4 e6 und 3…a6) und ich ging korrekterweise davon aus, dass Gabriel darauf vorbereitet ist. Also was tun als Alternative? Einfach h6 statt a6 spielen, geht auch und war Nakamuras Hauptvariante beim Kandidatenturnier dieses Jahr. Ich gab früh das Läuferpaar, bekam dafür einen Doppelbauern im Zentrum und Kontrolle über viele Felder.
Danach habe ich etwas sorglos gespielt und hätte eigentlich beide Bauern am Damenflügel vorschieben sollen und energischer spielen. Stattdessen habe ich etwas Zeit verloren, den a-Bauern auf a7 gelassen und in der folgenden Stellung einen Fehler gemacht.
19…Lc8 ist eigentlich logisch, der Läufer geht nach e6, der Turm und die Dame auf der b-Linie sind verbunden. Stattdessen habe ich einen anderen Weg gewählt, das Feld f5 zu decken und habe 19…g6 gespielt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Schwäche auf h6 relevant wird, aber in der Tat kann Weiss oft mit h4, g4 am Königsflügel langsam Druck aufbauen und auch in der Partie stand der weisse Läufer später mal auf c1, die Dame auf d2 und h6 hing indirekt. Trotz dieser Ungenauigkeiten war der weisse Vorteil nicht entscheidend gross und es entstand diese Stellung:
In der Partie habe ich 30…Ta8 gespielt, wenig später waren auch die Damen vom Brett und wir haben uns nach der Zeitkontrolle auf Remis geeinigt. Eine Alternative wäre 30…Sa6 gewesen, der Turm ist eingesperrt und es droht Db6. Weiss hat 31.Lc1 und auf 31…Db6 gewinnt jetzt 32.Sf5+. Schwarz hat nur einen Weg zum Ausgleich – 31…Tc8 mit der Idee den Läufer einfach rauszunehmen und dann mit Db6 die Qualität sofort zurückzugewinnen.
Mein erstes Remis im Turnier und damit stand ich bei 1.5 Punkten nach 6 Runden. Interessanterweise war die Remisquote bei diesem Turnier sehr niedrig, insgesamt nur 10 Remisen in 45 Partien. Die Fortsetzung über das letzte Drittel des Turniers folgt…