Evgenys SEM-Bericht, Teil 3
In der 7.Runde stand ein Vereinsduell auf dem Programm – ich hatte Weiss gegen IM Daniel Fischer. Die Vorbereitung war wie schon gegen Tuktumushev schwierig – Katalanisch, Nimzo-Indisch oder Damenindisch? Und mit Benoni muss ich auch rechnen, zumindest hat Daniel schon mal bei der SEM gegen Sebastian ausgepackt. Ich konnte mich wieder lange nicht entscheiden, dann bin ich auf eine Partie von Daniel gegen den litauischen Grossmeister Tomas Laurusas in der Variante 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.e3 0-0 5. Se2 d5 6.a3 Le7 7.cd ed 8.Sf4 gestossen und mich entschieden, diese zu probieren. Die Se2-Variante im Nimzo spiele ich zwar ab und zu, aber normalerweise mit der Idee 6.cd ed 7.g3. Der Aufbau mit Sf4 war auch für mich neu.
Die Vorbereitung hat tatsächlich geklappt. Die ersten 12 Züge folgten wir der oben genannten Partie und hier habe ich dann den Computervorschlag 13.Se6 statt 13.Sfe2 von Laurusas gespielt.
13…Le6 14.f3 mit der Idee Le1 im nächsten. Das ist eine typische Stellung, wo Weiss langsam e4 vorbereitet (z.B. mit Lf2 den Bauern d4 erstmal deckt), aber auch manchmal Ideen am Königsflügel Raum zu gewinnen hat, z.B. Se2-f4, g4. Oft ist es auch für beide Pläne sinnvoll Kh1 zu spielen und den König aus der Diagonale g1-a7 rauszunehmen, denn Schwarz wird mit c6-c5 das Zentrum aufreissen, und in vielen Varianten können entweder der schwarze Läufer nach c5 oder die Dame nach b6 kommen. Der Springer auf e2 ist auch oft gut positioniert, denn nach c6-c5 hat er dann die Möglichkeit, nach d4 zu kommen. Trotzdem ist die Stellung natürlich nah am Ausgleich.
Daniel hat direkt 14…c5 gespielt, und nach 15.dc Lc5 16.Sa4 Ld6 17.Lc3 die beste Fortsetzung mit 17… Ld7 18.Ld4 Le5 gefunden. Schwarz tauscht den schwarzfeldigen Läufer, damit ist der Bauer e3 geschwächt. Wenig später entschied ich mich in dieser Stellung
für 23.Dd4 Dd4 24.ed, denn der «normale» Plan 23. Dd2 Tcd8 24.Tcd1 – weiter auf Isolani und den schlechten Läufer spielen – funktioniert wegen 24….d4 25.ed Dd4+ 26.Dd4 Te1 27.Te1 Td4 mit sofortigem Ausgleich nicht. Wichtig ist auch, dass Weiss das Manöver Sc3-e2-d4 wegen Schwächen auf e3 und b2 nicht rechtzeitig schafft. Also ging es ins Endspiel, was durch den besseren Läufer und Raumvorteil leicht besser für Weiss ist. In Zeitnot verbesserte sich die weisse Stellung langsam, wobei Daniel kurz vorm 40.Zug einige Fehler machte.
43.Sf5; Schwarz kann nicht mit dem Läufer nehmen, denn 43…Lf5 44.Lf5 gibt Weiss die Idee Te1-Te6+. Die Turmendspiele sind natürlich auch hoffnungslos, da der weisse König nach g6 kommt. 43…Sf5 44.Lf5 Lf7
Hier habe ich 45. Lc8 Le8 (45…b6 46.Tc6+ Ke7 47.Tc7+) 46. Lb7 Lb5 47.Ld5 gespielt und wir haben beide übersehen, dass Schwarz nach 47…Kd5 48.Tc5+ Ke6! den d4-Bauern mit dem Turm mit Schach nehmen kann, und danach ist das Turmendspiel einfach Remis. Dagegen sah 48…Kd4 49.Tb5 gefährlich aus, denn der schwarze König ist abgeschnitten, der weisse kann nach g6 kommen, aber auch das scheint noch laut Engine Remis zu sein. In der Partie kam 48..Tb8 49.Le4 und ich verwertete den Mehrbauern.
Deswegen wäre der beste Zug in dieser Stellung 45.a4! Der Zug deckt b5 und jetzt droht Lc8 wirklich. Nach 45…Le8 46. Te1 (46.Lc8 b6 und es ist schwierig, Fortschritt zu erzielen) Lf7 zeigt die Engine wieder grossen Vorteil, obwohl es mir nicht so klar ist. Weiss kann mit a5 Fortschritte erzielen und entweder a6 oder b6 im richtigen Moment vorbereiten. Beide Züge öffnen weitere Einstiegsfelder für den weissen Turm. Es gibt auch Ideen am Königsflügel, z.B. Kg3-h4 und f4-g5. Auch Turmendspiele sind meist nicht gut für Schwarz, eine hübsche Variante möchte ich hier als Beispiel zeigen: 47. Lg6 Lg6 48.hg, es sieht so aus, dass Weiss nicht reinkommt, und Schwarz die c-Linie mit 48…Tc8 hat. Aber es kommt 49.Kf5 Tc4 50.Te6+ Kd7 51.f4 Td4? 52.Tf6! Deswegen muss Schwarz auf der Achten mit dem Turm bleiben und Weiss kann sich langsam verbessern, die Bauern am Damenflügel mit a5-b6 festlegen, den Turm auf die h-Linie stellen (ähnliche Turmopfer-Ideen auf h6), und dann f4-g5 im richtigen Moment. Die drei Schwächen b7-g7-d5 scheint Schwarz dann nicht alle gleichzeitig halten zu können.
Damit war ich bei 2.5 / 7 und konnte zumindest noch ein bisschen hoffen, in die Nähe von 50% zu kommen. Am Abend gingen Gabriel, Daniel und ich wie üblich spazieren und diesmal war Untergrächen dran, denn schon am Vortag haben wir darüber gesprochen, den Weg nach unten zu nehmen. Der Weg war recht steil und wir haben uns gewundert, ob der Weg im Winter überhaupt begehbar ist. Danach sind wir noch ein bisschen an der Strasse im Tal gelaufen

bevor es wieder nach oben ging. Es gab viel zu sehen – Walliser Schwarznasenschafe

Schnecken bei der Paarung

und Kühe

die versucht haben uns näher zu kommen. Auch die Aussichten vom Tal auf die Berge und Grächen waren sehr schön.
Am nächsten Morgen entschied ich mich, erst nach dem Frühstück zu wandern. Viel vorbereiten wollte ich eher nicht mehr und da mein nächster Gegner, FM Moritz Valentin Collin, oft variiert, passte es sogar. Mein Plan war, wieder zum See zu gehen und diesmal den Shinrinyoku Pfad zu finden. Zuerst habe ich aber beim See eine Weile die Alpakas beobachtet.

Danach etwas nach oben wandern und da war der Pfad, den ich vor einigen Tagen noch verpasst habe.

Der Weg war wunderschön, immer am Wasser entlang und sehr entspannend.

Im Hotel zurück habe ich mir nur kurz überlegt, was ich spielen will, und entschied mich, falls 1.d4 kommt, wieder 1…d5 mit 3…h6, so wie in der 6.Runde. Damit war es erst meine zweite Partie in dieser Variante und ich habe die Eröffnung ungenau gespielt, sodass ich in einer Stellung mit Isolani landete. Statt normal mit 11... Le6 zu spielen, habe ich 11…Lf5 gespielt und nach 12.Tc1 realisiert, dass ich schon grosse Probleme habe.
Der weisse Plan ist einfach – Sa4 oder Sb5, das Feld d4 besetzen und die Diagonalen ausnutzen. Ich habe viel Zeit verbraucht und mich entschieden zu versuchen, den b2-Läufer so schnell wie möglich zu tauschen. Deswegen spielte ich 11…Lb4 und wenig später Dd6-La3. Ich stand dann später zwar immer noch schlechter, aber fühlte mich definitiv besser als vorher und entschied mich auch nicht komplett auf Remis zu spielen, sondern auch Chancen zu suchen. Deswegen tauschte ich bei der ersten Gelegenheit die weissfeldigen Läufer und versuchte die Löcher rund um den weissen König (Bauern h2-g3-f2) mit einem Springermanöver Sf6-h7-g5 auszunutzen. Moritz spielte etwas sorglos und ich konnte die Stellung tatsächlich verkomplizieren, wobei wir beide hier schon wenig Zeit hatten.
25...d4 26.h4 Se6 27.Tc6 De5 28.Df3 Tad8 29.Sb6 – mehr oder weniger alles forciert 29…de und jetzt nahm Weiss mit der Dame auf e3. Damit habe ich gar nicht gerechnet, denn 30.fe ist der bessere Zug. Mir war nicht klar, was ich darauf spielen soll, wahrscheinlich hätte ich auch 30…Te7 gespielt, f7 prophylaktisch decken und dann schauen. Schwarz hat Kompensation für den Bauern durch die aktive Figuren, schlechte Bauernstruktur von Weiss (e3-g3-h4) und schwächere Königsstellung.
Ich war von De3 überrascht, denn es fühlt sich einfach nicht richtig an – die schwarze Dame kann zur Seite ziehen und die weisse bleibt in der Fesselung mit Sd4-e2 Drohungen. Leider habe ich hier den Gewinn mit 30…Db8! verpasst. Auf 31.Te1 kommt Sc7! (nicht 31...Sd4 wegen 32.De8+ Te8 33.Te8+ De8 34.Tc8) 32.Dc3 Te1+ 33.De1 Db7 und Weiss kann sich nicht entfesseln – der Turm und der Springer stehen sehr unglücklich (z.B. 34.Dc1 Sb5 mit Sd4 oder Sa7). Nach 30…Df5 31.Tc8 kann ich die Fesselung auf der e-Linie nicht ausnutzen. Hier habe ich zwar immer noch Ausgleich und ich habe auch am richtigen Zug 31…g5 überlegt, aber am Ende mit wenig Zeit 31…Tc8 in der Hoffnung auf 32.Tc8 Tc8 33.Sc8 Dc2 gespielt. Nach 33.Sc8 stand Weiss klar besser und gewann die Partie.
Damit konnte ich wieder an den Sieg am Vortag nicht anknüpfen. Glücklicherweise stand nur noch eine Partie an. Am nächsten Morgen spielte ich mit Weiss gegen Flavio Rotunno.
Die Eröffnung lief gut für mich, wobei Schwarz gerade mit 17…e6-e5 einen Fehler gemacht hat. Das schafft nur weitere Löcher in der Stellung und Schwarz kann nie auf d4 tauschen, denn dann bleibt man mit dem rückständigen d6-Bauern und der weisse Springer kommt von f3 ins Spiel. Am besten wäre hier Umgruppieren, z.B. Te1, Tcd1, dann die Dame von a3 über b2 zurück in die Mitte bringen und zum richtigen Zeitpunkt kann man Sd5 überlegen. Ich habe mich hier aber von der Idee 18.c5 verführen lassen. Nach 18.bc bc 19.de de 20.La6 Sa6 21.Da5 Sb4 22.Sd5 Sd5 23.ed sah diese Stellung von weitem sehr vielversprechend aus – Freibauer auf d5, b4-Ideen...
Die Stellung ist allerdings ausgeglichen, z.B. geht 23…Td8, da 24.d6 Td6 25.Da8+ wegen De8 nicht funktioniert. Flavio hat mit 23…Dd6 24.Sd2 zugelassen, was zum weissen Vorteil führt. Ich habe jedoch ungenau gespielt und wir endeten im remisen Turmendspiel.
Hier wäre 43...Kg8 sicherlich am einfachsten, Schwarz hat sich für das kompliziertere 43…Kh6 entschieden und es folgte 44.Kf1 g6 45.Tc7 Td2 46.c5 Tc2 47.g3
Hier ist 47....g5 immer noch Remis, denn 48.Tc6+ Kg7 49.hg bringt Weiss nichts. Der schwarze König bleibt einfach auf g7-h7. Flavio hat 47…Td2 gespielt und hier hätte ich mit 48.Te7 statt 48.Ke1 gewinnen können. Wir haben beide den Zug nicht gesehen, aber nicht gemerkt, dass nach 48…Td5 49.c6 Tc5 50.c7 g5 51.hg Schwarz nicht mit dem König zurücknehmen darf wegen Te5+. Auf 48…Tc2 kann Weiss mit Te5-Tg5 die perfekte Position für den Turm einnehmen, wo er alle Bauern deckt und der weisse König damit zum Damenflügel laufen kann. Und auf 48…g5 gewinnt jetzt 49.Te2 und der Turm kommt nach c2.
Damit belegte ich am Ende den 8.Platz mit 3/9, halben Punkt hinter Daniel. Damit lief es natürlich für Reti enttäuschend.
Insgesamt war das Turnier gut organisiert und auch überall in Grächen hat man sich sehr willkommen gefühlt. Ein Punkt, den der Schachbund sicherlich verbessern kann ist die Berichterstattung – denn in jede Runde gab es spannende Partien, auf die man näher hätte eingehen können. Die grossen Schwankungen war etwas, was mir in Erinnerung blieb – ich habe 2x gewonnene Stellungen noch verloren, aber auch in Partien der anderen Teilnehmer gab’s viele grobe Fehler, die die Stellungseinschätzung komplett änderten. Zumindest hatten wir dann jeden Abend genug beim Abendessen und Spaziergang zu besprechen.
Am Ende war ich trotzdem froh, nach fast 10 Jahren mal ein Turnier zu spielen, Grächen zu erkunden und meine erste SEM zu erleben. Ob ich es wieder spiele, weiss ich noch nicht, denn es war natürlich kein richtiger Urlaub und ich war schon sehr müde nach dem Turnier. Wir werden sehen!
– Evgeny