Richard Rétis Sieg im Wiener Tagblatt

Heute vor 116 Jahren: Das Wiener Tagblatt berichtet von einer legendären Partie.

Seitdem vor einigen Jahren in der Neuen Zürcher Zeitung die älteste Schachspalte in einer Tageszeitung eingestellt wurde, sind Nachrichten aus der Schachwelt nur noch selten in deutschsprachigen Printmedien zu lesen. Die Schachberichterstattung hat sich in den letzten Jahren praktisch vollstänidig in den digitalen Raum verlagert, wo sie ein breiteres und vor allem auch jüngeres Publikum erreicht. Dank des Internets sind aber noch heute einige der Schach-Zeitungsartikel aus längst vergangenen Tagen einsehbar, und wer geduldig genug sucht, findet in den Archiven verschiedener grosser Tageszeitungen noch einige verborgene Schätze...

Heute blicken wir auf einen besondere Zeitungsmeldung zurück, und zwar auf eine, die am 1. April 1910 im Neuen Wiener Tagblatt erschien. In dieser Meldung wird –nahezu beiläufig – von einer inzwischen legendär gewordenen Partie berichtet, die sich damals in den Wiener Schachhäusern zugetragen haben muss. Es handelt sich um eine Kurzpartie zwischen dem Namensgeber unseres Klubs, Richard Réti, und dem legendären Schach-Aphoristiker Savielly Tartakower.

Der Artikel beginnt mit den Worten:

"Kurze und brilliante Partien sind heutzutage sehr selten geworden. Der schönheitslüsterne Adept wendet sich daher, von dem trockenen Stil der Modernen 'angeödet', zu Morphy, zu Andersen, die uns von sonnider Höhe in die unergründlichen Tiefen ihres von bewunderswerten Konzeptionen und grossartigen Ideen übersprudelnden Genies blicken lassen. Man urteile aber nicht geringschätzig über die Meister von heute. Glänzende Kombinationen sind naturgemäss nur da möglich, wo der Gegner durch fehlerhaftes Spiel die Gelegenheit bietet. Die Theorie der Eröffnung, die Einsicht in die Prinzipien des Mittelspiels hat sich inzwischen so sehr vertieft, dass die Gelegenheit naturgemäss viel seltener eintritt. 'In jener Epoche' – so schrieb die Wiener Schachzeitung (1902) – 'da die Spieleröffnungen nur sehr mangelhaft durchforscht waren, war das Schach ein viel schrecklicheres Hasardspiel als heute. Die Figuren taumelten eine Weile am Brette herum, dann tat sich vor den entsetzten Blicken des Spielers urplötzlich ein schwarzgähnender Abgrund auf, in welchen er vom Gegner mehr oder minder genial versenkt wurde. Aber der glückliche Sieger wurde am nächsten Tage ebenso unsanft hinabgestürzt. Der Unterschied zwischen damals und heute besteht nur darin, dass die Meister der guten alten Zeit schon im Mittelspiel ihren Geist aufgaben, während die Modernen sich doch schon fast regelmässig bis zum Endspiel behaupten, in welchem geniale Opfer aus dem Grunde selten vorkommen, weil beide Teile zu wenig 'Holz' haben.'"

Daraufhin nennt der Artikel einige nennenswerte Kurzpartien der damaligen Zeit, nämlich die Partien Tarrasch – Marco, Dresden 1892 in welcher Siegbert Tarrasch eine achtzügige Eröffnungskombination fand (die heute auch als "Tarrasch-Falle" bekannt ist), sowie die Partie Marco – Maroczy, Ostend 1905, die Georg Marco nach Figurenopfer im 10. Zug gewann. Dann aber wendet sich der Artikel mit folgenden Worten zum eigentlichen Thema:

"Als ein Unikum muss aber die nachstehende Partie gelten, in der sich Dr. S. Tartakower, einer der glänzenden Repräsentanten der Gegenwart, vom Jungmeister Richard Reti in zehn Zügen überrumpeln liess. Dabei muss betont werden, dass die Partie nicht etwa im Eilzugstempo – 'Zug-Zug' – sondern mit vollem Ernst, mit Uhrenkontrolle (15 Züge per Stunde), um einen Einsatz von 10 R. [10 Kronen; eine beachtliche Summe für die damalige Zeit] gespielt wurde."

Hier die Partie mit Orginalkommentar, ergänzt mit den Kommentaren des Webmasters.

Diese Glanzpartie ist heute, auch 116 Jahre später, eine der spektakulärsten Kurzpartien der Schachgeschichte. Welches ist Deine liebste Kurzpartie? Teile Sie mit uns in der Kommentarspalte!

Hier geht's zum Artikel in der Neuen Wiener Zeitung vom 1. April 1910, im Internetarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek.

 

Réti Rewind

Dieser Artikel ist Teil einer losen Serie, in der wir Jubiläen verschiedener Ereignisse aus der Schachgeschichte beleuchten. Die bisherigen Artikel:

 

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