Wer war unser Klub-Patron eigentlich?
Geboren wurde Richard Réti am 28. Mai 1889 im slowakischen (damals österreichisch-ungarischen) Pezinok nahe Bratislava. Seine Familie, bestehend aus seinem Vater Samuel, einem Arzt, seiner Mutter Anna (geboren Meyer) und seinem vier Jahre älteren Bruder Rudolph, der später ein renomierter Komponist werden sollte, zog 1910 nach Wien, wo der junge Richard das Gymnasium absolvierte und ab 1907 Mathematik und Physik studierte. Gemäss verschiedener Quellen soll er sich aber schon bald nicht gross für sein Studium interessiert haben: Zu gross war seine Faszination für die rege Schachkultur, die damals in den verschiedenen Wiener Kaffeehäusern gelebt wurde.
Allerdings ist überliefert, dass Réti kein angeborenes Talent hatte: Beim Turnier der Wiener Schachgesellschaft 1908 kam er als 18-Jähriger gegen ein hochkarätiges Teilnehmerfeld gehörig unter die Räder und erzielte nur 1½ Punkte aus 19 Runden. In den Folgejahren konnte er jedoch durch Bestreiten regelmässiger Trainingspartien gegen andere Wiener Schachmeister (u.a. gegen Tartakower, siehe die frühere Episode von Réti Rewind) sowie durch seine Freundschaft mit dem talentierten Gyula Breyer sein Spiel massiv verbessern. Seine zunehmende Speilstärke schlägt sich in seinen Turnierresultaten nieder: Beim denkwürdigen Thematurnier in Abbazia 1912 wurde er noch Vierter, an der Ungarischen Meisterschaft 1913 aber bereits geteilter Zweiter (hinter Lajos Asztalos). Nach einer längeren Turnierpause aufgrund des Ersten Weltkriegs gewann Réti dann ein Turnier in Košice 1918. In dieser Zeit überstieg seine errechnete historische Elozahl auch erstmals 2500.
In den 1920er-Jahren wurde Réti dann zu einem führenden Exponenten des sogenannten "hypermodernen Stils". Er prägte massgeblich die Idee, in der Eröffnung das Zentrum nicht mehr mit Bauernpräsenz sondern mit Figurenaktivität zu kontrollieren. In diese Lehre fällt auch das nach ihm benannte Réti-System (1.Sf3 2.c4); Nachdem Réti 1924 in New York ein Sieg gegen den seit acht Jahren ungeschlagenen Capablanca gelang, fand die bis dahin grösstenteils belächelte Eröffnung mehr Anerkennung.
1925 bereiste er Südamerika und gab mehrere Blindsimultanvorstellungen. In Sao Paolo stellte er einen neuen Weltrekord auf, indem er blind gegen 29 Spieler gleichzeitig spielte (21 Siege, 6 Remis, 2 Niederlagen). Eine der Partien gewann er durch ein Turmopfer. Im selben Jahr erlitt er aber auch seine wohl berühmteste Niederlage: In Baden-Baden verlor er eine Angriffspartie gegen den späteren Weltmeister Alexander Aljechin.
1926 heiratete er Rogneda Sergejowna Gorodetskaja, die Tochter eines berühmten russischen Dichters. Réti hatte sich längst einen Namen als einer der führenden Schachmeistern Europas gemacht und wurde an diverse Spitzenturniere eingeladen. Er nahm unter anderem mit der tschechoslovakischen Mannschaft an der ersten Schacholympiade 1927 in London teil. 1928 gewann er überlegen ein Turnier in Wien, unter anderem vor Spielmann und Tartakower.
Doch im Jahr 1929 fand seine Schachkarriere ein abruptes Ende: Er erkrankte am damals äusserst gefährlichen Scharlach und verstarb kurz nach seinem 40. Geburtstag am 6. Juni in Prag an den Folgen der Krankheit. Das zur effektiven Behandlung benötigte Penicilin war erst im Vorjahr durch Alexander Fleming entdeckt worden. Rétis sterblichen Überreste wurden im Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.
Was bleibt vom Leben und Wirken von Richard Réti? Viele Schachenthusiasten werden nun aufschreien: "Seine Endspielstudien!" Tatsächlich wird Rétis Einfluss auf die Theorie der Endspiele von Vielen überschätzt. Es gibt nur knapp über 50 Studien, die eindeutig ihm zugeschrieben werden können – eine bescheidene Zahl verglichen mit anderen Endspielkomponisten. Doch seine wenigen Studien haben es in sich: Sie zeichnen sich durch geniale Ideen, ungewöhnliche Manöver und vor allem auch durch Partienähe aus. Praxisrelevanz war für Réti das oberste Gebot – ein klarer Unterschied zu modernen Schachkomponisten, die eher darauf erpicht sind, möglichst lange und dualfreie Aufgaben zu konstruieren.
Seine berühmteste, vielleicht sogar DIE berühmteste Endspielstudie, kennt wohl jeder: Auf einem fast leeren Brett, bei dem beide Seiten nur je König und einen Bauern besitzen, steht der weisse König in der entfernten Ecke, scheinbar völlig abgeschnitten vom Geschehen; Und dennoch schafft er es, den schwarzen Freibauern, der zwei Tempi Vorsprung hat, noch einzuholen. Der Trick besteht im "Réti-Manöver": Mit einem Diagonallauf kann der König seinen eigenen Fraibauern unterstützen und so die beiden fehlenden Tempi aufholen.
Weiss am Zug hält remis
Die vollstänige Lösung findet sich hier; oder in praktisch jedem Endspielbuch, das nach der Erstveröffentlichung der Studie am 11. September 1921 erschienen ist.
Eine weitere Réti-Studie, die den meisten Schachfans bekannt sein wird, ist jene, in der der weisse Turm einen schwarzen Bauern aufhalten muss und dabei einen paradoxen Rückzug vollzieht; nicht etwa auf die Grundreihe, sondern mit "Zwischenstopp" auf der zweiten oder dritten Reihe, um einen Zugzwang herbeizuführen. Alle Details in diesem Video.
Von Rétis weniger bekannten Werken hier noch eine Studie zum selberlösen. Sie wurde posthum in "Das Werk Richard Rétis im Schach" von Artur Mandler veröffentlicht.
Weiss am Zug hält remis
Damit bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen: Wieso wurde unser Schachklub nach Richard Réti benannt? Es ist nicht unüblich, einen Schachklub einer berühmten Persönlichkeit zu widmen – aber wieso ausgerechnet Réti? Der Webmaster konnte hierzu nichts herausfinden. Weiss eines unser verdienstvollen Mitglieder mehr? Gerne darfst Du uns in der Kommentarsektion unten erleuchten.
Réti Rewind
Dieser Artikel ist Teil einer losen Serie, in der wir Jubiläen verschiedener Ereignisse aus der Schachgeschichte beleuchten. Die bisherigen Artikel:
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