Wie der Sohn, so der Vater

Heute vor 19 Jahren: Das Familienduell Carslen nördlich des Polarkreises.

Wir kennen es doch alle: Da freut man sich schon darauf, endlich wieder ein grosses klassisches Turnier zu spielen; Endlich bekommt man wieder die Chance, sich mit vielen unbekannten Konkurrenten messen zu können... nur um am Schluss vom Paarungssystem veräppelt zu werden und in jeder Runde gegen einen guten Freund oder Klubkollegen spielen zu müssen!

Die Höchststrafe ist es natürlich, mit einem Gegner gepaart zu werden, den man nicht nur kennt, sondern mit dem man zudem noch verwandt ist. An Schweizer Schachturnieren kommt es zum Beispiel immer wieder zu Geschwisterduellen, insbesondere unter Junioren. Überraschend ist das ja eigentlich nicht, wenn man bedenkt, dass die Schweizer Jugendschachszene verhältnismässig klein ist und es eine relativ hohe Anzahl an Geschwisterpaare gibt, die sich in ähnlicher Spielstärke befinden.

Im internationalen Spitzenschach finden sich auch verschiedene Beispiele für Turnierpartien zwischen Geschwistern. Bekanntestes Beispiel sind wahrscheinlich die Polgár-Geschwister, die während ihrer Aktivzeit insgesamt um die 30 gewertete Partien gegeneinander spielten (inklusive Blitz- und Rapidpartien). Zu einem Duell zwischen Ehepartnern kommt es gelegentlich, wenn Alexander Grischtschuk und Jekaterina Lagno gegeneinander spielen – Diese Duelle enden üblicherweise in einem schnell vereinbarten Remis.

Was uns natürlich zur entscheidenden Frage bringt: Was tun, wenn man gegen einen solchen Gegner gepaart wird? Die Partie hart auskämpfen, oder lieber doch nach wenigen Zügen die Friedenspfeife rauchen? Wir Schachspieler haben ja das Privileg, uns jederzeit mit dem Gegner auf ein friedliches Ende verständigen zu können. Immerhin haben Geschwister in anderen Sportarten dieses Recht nicht, so wie z.B. die Tennis-Brüder Zverev, als sie im Achtelfinal des ATP-Turniers in Washington 2018 aufeinandertrafen.

Natürlich wirken auch eine Reihe psychologischer Faktoren, wenn man gegen eine solche Opposition spielt. Würde es unsere persönliche Beziehung belasten, wenn ich durch eine unrühmliche Art und Weise, wie z.B. einen einzügigen Figureneinsteller, gewinnen würde? Was, wenn meinem Gegner während der Partie das Handy klingelt? Sollte ich anders reagieren, nur weil ich ihn oder sie persönlich kenne? Und: Wie soll man sich bei all' diesen Überlegungen überhaupt noch aufs Wesentliche, nämlich das Schachbrett, konzentrieren können?

Die speziellste Art von Duell mit persönlicher Beziehung ist vielleicht das Vater-Sohn-Duell. Hierfür gibt es in der Schachwelt vergleichsweise wenig Beispiele. Das berühmteste ist wahrscheinlich das folgende: Es ereigete sich am 9. August 2007 nördlich des Polarkreises; An der Arctic Chess Challenge in Tromsø, als ein gewisser Magnus Carlsen in der 6. Runde mit seinem Vater Henrik gepaart wurde. Beide standen zu diesem Zeitpunkt bei 3½ Punkten aus 5 Runden. Für den damals 16-jährigen Magnus, der im April desselben Jahres erstmals die 2700-Elo-Marke überschritten hatte, war dies ein fürchterliches Resultat, während der 45-jährige Henrik, bei knapp unter 2100 Elo stehend, das Turnier seines Lebens bestritt. In diesem Sinne war das Familienduell auch ein wenig selbstinduziert: Hätte Magnus in der ersten Runde nicht sensationell einen halben Punkt gegen den fast 700 Elo weniger aufweisenden Amateur Brede Hagen abgegeben, wäre es wohl nie zu dieser Paarung gekommen. Wohlgemerkt: Magnus Carlsen hätte diese Erstrundenpartie genauso verlieren können! Er kam nur mit reichlich Wettkampfglück mit einem blauen Auge davon:

 

Aber auch nach diesem knorzigen Start verlief das Turnier für Magnus harzig: In Runde drei erreichte er ebenfalls nur mit Dusel ein Remis gegen den Dänischen FM Karsten Larsen, ehe er auch in Runde fünf gegen seinen Mentor GM Simen Agdestein nicht über einen halben Punkt hinauskam.

So wollte es das Paarungssystem also, dass in Runde sechs Magnus gegen seinen Vater Henrik antreten musste. Und... Magnus gewann, einigermassen problemlos.

 

Bist Du schon mal gegen einen guten Freund, oder gar einen Verwandten, in einer FIDE-gewerteten Partie gepaart worden? Was hast Du getan? Lass es uns wissen in der Kommentarspalte.

 

Réti Rewind

Dieser Artikel ist Teil einer losen Serie, in der wir Jubiläen verschiedener Ereignisse aus der Schachgeschichte beleuchten. Die bisherigen Artikel:

 

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