46. Schacholympiade: Highlights Runden 4-6

Anselm präsentiert die besten Momente aus der Schacholympiade 2026 in Samarkand.

Liebe Leserin, Lieber Leser,
Hier ist er also, Teil 2 meines Recaps der Schacholympiade in Samarkand. Wieder habe ich über 2000 Partien durchstöbert, um für euch die besten und interessantesten Momente herauszupicken. Diesmal präsentiere ich auch ein bisschen komplexere Partieausschnitte, was die ganze Zusammenstellung ein bisschen länger werden lässt – Ich hoffe dennoch, dass die Länge des Artikels nicht die Aufmerksamkeitsspanne einer Person unserer heutigen Zeit überschreitet!
Wieder war es schwierig, sich aus den zahlreichen spannenden Partien auf nur 16 Momente zu beschränken. Nicht fehlen in dieser Highlight-Sammlung durfte natürlich der Auftritt unseres Réti-Grossmeisters Sebastian Bogner gegen Yagis Kaan Erdogmus, auch wenn uns das Finale dieser Partie fast das Herz zerreisst!
Übrigens: Wer auf der Suche nach Taktikaufgaben ist, solle sich bei mir melden. Ich habe aus diesen sechs Runde so viel Aufgabenmaterial gesammelt, ich könnte ganze Bücher füllen.
Viel Spass beim Lesen!

Anselm

TÜRKEI – SCHWEIZ
GM Erdogmus – GM Bogner
Stellung nach 39.Te3

Réti-Power trifft auf den jüngsten 2700-Elo-Spieler der Schachgeschichte! Unser Grossmeister Sebastian Bogner hatte hier gegen das Supertalent Yagiz Kaan Erdogmus eine dominante Stellung, doch ein Supergrossmeister gibt sich bekanntlich nicht so leicht geschlagen...

Verlockend sah 39...Tc3 aus, aber Weiss hielte den Laden dicht mit 40.Sd5. Was Sebastian wohl aufgrund der Zeitnot nicht in Betracht zog war das spektakuläre 39...Dxe3!? 40.fxe3 Tc2+ 41.Se2 (41.Kf1? gxf4 42.exf4 Td8! 43.Ta1 Sg4-+) Txe2 42.Kf1 Txe3 mit unklarer Stellung. Er entschied sich verständlicherweise für das konservativere 39...Dc4, wonach Erdogmus, ebenfalls in Zeitnot, mit dem Zug 40.Sh5+? fehlgriff. Nach 40...Kg6! bekamen beide Spieler zusätzliche 30 Minuten auf die Uhr.

Es folgte 41.g4 Tc6 (nicht 41...Sxg4? wegen 42.Tc3!=. Nun scheitert 42...De6? an 43.Txc8 Txc8 44.Ta6+-) 42.Sg3 Tf6! 43.Ta6 Txa6 44.Dxa6 Dc6?! (siehe Diagramm)

Die Maschine empfiehlt Weiss nun mit 45.Dxc6+ die Damen zu tauschen, weil er nach 45...Sxc6 46.Sf5 und 47.Th3 Gegenspiel auf den schwachen h6-Bauern hat und den schwarzen Turm so zur passiven Verteidigung zwingen kann.

Erdogmus entschiedet sich aber die Damen auf dem Brett zu behalten. Nach 45.Da7?! Sxg4 46.Ta3 Te6 47.Dd4?! erreichte die Partie einen dramatischen Moment. (siehe Diagramm)

Hätte Sebastian hier realisiert, dass er mit 47...Tf6! 48.Ta2 Db6! den Damentausch erzwingen kann, hätte er die Partie dank der zwei Mehrbauern wahrscheinlich problemlos gewonnen. Es ist von aussen schwierig zu sagen, was ihn von dieser Variante abhielt; Möglicherweise dachte er, er komme durch Druck auf den e4-Bauern leichter zum Ziel.

Nach 47...Sf6?! 48.Tc3 Db6 49.Dd3 Te5 blieb die Situation unübersichtlich. Erdogmus, listig wie er ist, stellt trotz verlorener Stellung noch einige knifflige Fallen – eine davon schnappte leider zu.

Er zog 50.Tc8!? und nach 50...g4? 51.De2?! kam der grosse Wendepunkt. (siehe Diagramm)

Immer noch gewonnen, wenn auch nicht ganz mühelos, hätte 51...Sxe4 52.Dc2 (52.Sxe4 Txe4 53.Th8 Kg7!-+) 52...Dxf2+! 53.Dxf2 Sxf2 54.Kxf2 h5!-+. Es ist allerdings schwer, sich mit einem solch technisch schwierigen Endspiel zufrieden zu geben, wenn man zuvor noch komplett auf Gewinn gestanden hat. Deshalb, die Idee seines Gegners übersehend, zog Sebastian 51...Db7?? und nach 52.Th8! Tg5 53.Dd6!! war die Wende komplett; Es folgt nun unverhinderbar 54.Df8 und 55.Dxh6+. Sebastian versuchte noch 53...Dd7 54.Df8 Sh7, doch es war zwecklos – Erdogmus sicherte sich nach 55.Dg8+ Kf6 56.Dxh7+- schlussendlich den Sieg.

Das ist die Art von Niederlage, von der man mindestens eine schlaflose Nacht kriegt!


ENGLAND – GEORGIEN
GM McShane – GM Paichadze
Stellung nach 51.Dc7

Was für ein Chaos! Beide Spieler befanden sich bereits in Zeitnot, als sie sich durch diese verrückte Stellung navigieren mussten.

51...f4? Dies bringt den h-Bauern zur Umwandlung, läuft aber in einen brillianten Konter hinein. Besser war z.B. 51...Df6 mit komplett unklarer Stellung.

52.Txf4 h2 53.Ld3+! Kh8 54.Tf5 Dh4+ 55.Ka3 h1D (siehe Diagramm)

56.Th5+!! Kg8 57.Lc4+ Ld5 58.Lxd5 Dxd5 59.Txd5 und Weiss gewann einige Züge später.


IRAK – BRASILIEN
FM Zozek Salah – GM Fier
Stellung nach 32...Thg8

Wie in einem wahnwitzigen Fiebertraum ging es in dieser Partie zu und her.

33.Dc7+? Dies treibt den König weiter nach unten, was aber paradoxerweise die schwarze Königssicherheit eher verbessert. Nach z.B. 33.a3! bxa3 34.Dxa3+ Kb5 35.Sd4+ Kb6 36.Se6+ Kc6 37.Da4+ wäre es für den König in die andere Richtung gegangen, wo es deutlich ungemütlicher gewesen wäre.

33...Ka4 34.b3+ Ka3. Interessanterweise scheint der König auf a3 vergleichsweise sicher zu sein. 35.bxc4 Txg2+?! Auch der weisse König soll ein bisschen frische Luft spüren! 35...Dxf3? ging übrigens nicht wegen 36.Da5+ nebst matt. 36.Kxg2 Dxf3+ 37.Kf1 (siehe Diagramm)

37...a5 (stoppt 38.Da5+) 38.Lc1+?! Kxa2 39.Te2+ Kb1. Touchdown! Der schwarze König hat es bis an die Grundlinie geschafft.

40.Dxh7+ Le4 41.Txe4 (siehe Diagramm)

41...Dd3+? Nach 41...Dh1+! 42.Ke2 Kxc1 (es droht 43...Dd1+) 43.Dh6+ Kb1 44.De3 Dc1! ist der König offenbar sicher und Schwarz sollte mit seinen Freibauern gewinnen können. All' das lässt sich natürlich leicht sagen, wenn man nebenbei eine Engine am laufen hat...

42.Kg1 b3 43.Lg5? Es droht 44.Te1+ (siehe Diagramm).

43...Ka2? Gewonnen hätte gemäss Stockfish 43...Te8!! 44.Le7 (44.Te7 Dxh7 45.Txh7 Tg8! 46.h4 b2-+) Ka2-+.

Es folgten die Züge: 44.De7 b2 45.Te2 Tg8 46.h4 a4 47.c5 Ka1 48.Kh2 a3? 49.c6 (siehe Diagramm)

49...b1D 50.Lf6+ Db2 51.Lxb2+ axb2 52.Da7+! Kb1 53.Te1+! Kc2 (siehe Diagramm)

... und die Partie endete nach 54.Da4+ Kc3 55.Da3+ Kc2 56.Da4+ Kc3 57.Da3+ Kc2 58.Da4+ im Dauerschach. Aus neutraler Sicht ein akzeptables Resultat, denn nach dem Spektakel, das und geboten wurde, hat es keiner der beiden Spieler verdient, zu verlieren! Allerdings muss gesagt werden, dass Weiss in der Schlussstellung auf Gewinn stand: 58.Dc5+ Kd2 (58...Kb3 59.c7+-; 58...Dc3 59.Te2+ +-) 59.Db4+ Kc2 (59...Dc3 60.Te2+! Kxe2 61.Dxc3 b1D 62.Dc4+ +-) 60.Te3! Dxe3 61.fxe3 b1D 62.Dc4+ nebst 63.Dxg8 hätte Weiss ein gewonnenes Damenendspiel gegeben – für dessen Verwertung es aber wohl nochmal 30 Züge oder mehr gebraucht hätte.


SÜDAFRIKA – ZYPERN (F)
Masango – WCM Sokolova
Stellung nach 80...Kf5

Auch hier hatte Schwarz einen wagemutigen König. Weiss dachte wohl, sie gewinne brilliant mit 51.g4+!? Kxg4 52.Se6, aber nach 52...Tg8! 53.Sxc7 Kh3+!! 54.Kh1 Tg2 endete die Partie im Dauerschach mit ...Th2+ und ...Tg2+.


LETTLAND – TÜRKEI
CM Germanovs – GM Gurel
Stellung nach 61.c7

Einer für die Galerie: 61...Ta1+! 62.Kf2 Ta2+ 63.Kf1 Le2+ 64.Kf2 h2! (siehe Diagramm)

65.c8D Lg4+ 66.Kg3 h1S#. Hübsch!


SENEGAL – VAE
El – FM Abdulrahman
Stellung nach 10...f5

Noch eine verrückte Partie gefällig? Bitteschön.

Diese bekannte Theoriestellung entsteht aus der Sweschnikow-Variante nach 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Lxf6 gxf6 9.Sa3 b5 10.Sd5 f5. Der Hauptzug ist hier 11.Ld3, aber der Partiezug hat es auch schon in die Grossmeisterparxis geschafft.

11.Lxb5!? axb5 12.Sxb5 Ta4 13.b4!? (öffnet die b-Linie) 13...Txb4 14.Sbc7+ Kd7 15.Dh5?! Bisher wurde von den Profis stets 15.0-0 gespielt. (siehe Diagramm)

15...Txe4+ 16.Kf1 Se7 17.Dxf7 Kc6 18.c4 Tg8 19.Tb1 Tg7 20.Tb6+ Kc5 21.Tb5+ Kc6 (siehe Diagramm)

22.Tb6+ Kc5 23.Tc5+ Kc6. War's das? 24.Se6!? Nein! Weiss spielt weiter auf Sieg. Stockfish ist allerdings weniger begeistert und hätte das Remis genommen.

24...Txf7 25.Sxd8+ Kd7 26.Sxf7 Sxd5 27.Txd5 (siehe Diagramm)

27...La6! Das ist der entscheindende Zug, nach dem der Spass für Weiss ziemlich abrupt zu Ende geht. Allerdings hatte Weiss zuvor nichts besseres; 24.Se6 war schlicht ein Verlustzug. Mut wird im Schach einfach viel zu selten belohnt!

28.f3 Lxc4+ 29.Kf2 Te2+ 30.Kg3 Lxd5-+ und Schwarz gewann einige Züge später.


SPANIEN – TURKMENISTAN (F)
IM Garcia Martin – WFM Shohradova
Stellung nach 35.Tg2

Auch in dieser Partie gab es mehrere bemerkenswerte Vorkommnisse.

Die Stellung ist matt in zwei: 35...Txg3+ 36.Txg3 Dh2#. In jeder Trainingsstunde hätte Lala Shohradova dies wohl in einer Sekunde erkannt, aber Druck, Nerven und Zeitnot kann bei uns Schachspielern einiges anrichten.

Nach 35...De3?? 36.h7 Txg3+ 37.Txg3 Sg5+ 38.Kh4 Df4+ 39.Tg4 fxg4 40.h8D+ Kc7 kam das Geschenk aber von Marta Garcia Martin zurück. (siehe Diagramm)

Trotz neu gewonnener Zeit auf der Uhr zog sie zügig 41.Dxg4?? (fast alle anderen Züge hätten gewonnen) fand sich aber nach 41...Sf3+! 42.Kh5 Dh2+ 43.Kg6 Sxe5+ 44.Kg5 Sf7+ 45.Kg6 Se5+ 46.Kg5= in einem fast schon absurden Dauerschach wieder. (siehe Diagramm)

Shahradova hätte nun sogar mit 46...Sf7+ 47.Kg6 Sxh8+!? 48.Lxh8 Dxc2+ 49.Kh6 Dxb3 wieder beginnen können, auf Sieg zu spielen, sie sah aber wohl ein, dass sie schon genug mit dem Feuer gespielt hatte und willigte ins Remis ein.


MADAGASKAR – NEUSEELAND
CM Andriamasoandro – FM Mao
Stellung nach 98.a8D

Generell scheint an diesem Turnier ein Fluch auf der Seite mit zwei Damen zu lasten. Macht auch Sinn – in Usbekistan ist Polygamie strengstens verboten und wird strafrechltich verflogt...

Wie auch immer, normalerweise gewinnen wie in solchen Situationen zwei Damen gegen eine, weil aber beide weissen Damen sehr passiv am Brettrand stehen, kann sich Schwarz gewisse Hoffnungen machen. Was Weiss hilft, ist dass praktisch jeder Damentausch gut für ihn ist; Zwar remisiert ein f-Bauer auf der 2. Reihe gegen die Dame, aber der König auf g3 ist etwas ungünstig platziert und wird noch ein Tempo brauchen, bis er da ist, wo er sein will (nämlich möglichst nah am Feld f1).

Es folgten die Züge: 98...Db6+ 99.Kc2? Dc5+ 100.Kd2 Db4+ 101.Kc2 Dc4+ 102.Kb2 Db4+ 103.Ka2 Dc4+ 104.Kb1 (siehe Diagramm)

104...Db3+? 105.Kc1 De3+ 106.Kb2 De5+ 107.Kb3 Db5+ 108.Kc3 Dc5+ 109.Kd3 Db5+ 110.Kd4 Db4+ 111.Ke5 Dc3+ 112.Ke6 Dc4+ 113.Kd6 Db4+ 114.Kd7 Dg4+ 115.Ke7 Dg5+ 116.Kf7 Df4+ 117.Kg8 Kg2. (siehe Diagramm)

Jetzt ist Weiss dran mit Schachs geben, aber jetzt ist nicht mehr zwingend jeder Damentausch gut, weil Schwarz mit ...f2 nur noch ein Zug entfernt ist, ein ausgeglichenes Dame-gegen-Bauer-Endspiel zu erreichen.

118.Da2+ hätte nun zu einem schnellen Matt geführt, z.B. 118...f2 119.Dd5+ Kg3 120.Ddd3+ Df3 121.Dhg6+ Kf4 122.Dd4+ De4 123.Ddxe4#. Weiss spielte stattdessen das vernünftig aussehende 118.Dg6+ Kh2 119.Db7!?, aber nun war Schwarz wieder an der Reihe: 119...Dc4+ 120.Dgf7 (120.Dbf7 Dc8+ 121.Kg7 Dc3+ 122.Kh7 hätte sich angeboten) 120...Dg4+ 121.Kh8 Dd4+ 122.Kg8 Dd8+ 123.Kh7 Dh4+ 124.Kg7 Dg5+. (siehe Diagramm)

Kurz vor der 8-Stunden-Marke dann das antiklimatische Ende: Weiss zog 125.Dg6? und nach 125...Dxg6+ 126.Kxg6 f2= endete die Partie vier Züge später remis.

Für die, die's interessiert. Gemäss Tablebase war die Anfangsstellung gewonnen, nach 100.Kg2 war die Stellung remis, ab 104.Db3+ wieder gewonnen (remisiert hätte 104.Db4+) und dann weiterhin gewonnen bis 125.Dg6. Computerschach ist halt doch nochmal auf einem anderen Level.

Wenn ich mich nicht täusche, war dies die bisher längste Partie des Turniers.


OMAN – VAE (F)
Al Mamary – AlShamsi
Stellung nach 46...Sf6

Die Omanerin Kothar Al Mamary entwickelt sich zu meiner Lieblingsspielerin des Turniers. Nachdem sie in der Startrunde die Norwegerin Niina Koskela in eine Pattfalle gelockt hatte (siehe Highlights Runden 1-3), sorgte sie auch in dieser Partie für mehrere spannende Momente.

Sie spielte das waghalsige 47.Lxh5!? Txh5 (unklar wäre auch 47...Sxh5 48.Kg4 Sg7 49.Th7 Tf7 50.h5) 48.Txh5 Sxh5 49.Kg4 Sf6+ 50.Kf5 Sg8 51.Ke6 Sh6 52.h5. (siehe Diagramm)

Wieder einmal bewahrheitet sich das altbekannte Narrativ, dass ein Springer schwach ist im Kampf gegen einen Randbauern. Aber reicht es Weiss auch zum Sieg?

52...Sg4 53.Kf5 Se5 54.Ke6 Sg4 55.Kf5 Se5 56.h6 Kd7! (56...Sf7? 57.Kg6+-) 57.h7 Sf7 58.Kf6 Sh8 59.Kg7 Ke8. (siehe Diagramm)

60.Kxh8?? Es wäre Zeit gewesen, sich mit 60.Kg8 mit einem Remis zu begnügen. Jetzt gerät Al Mamary in die Fänge eines Halbpatts, der berüchtigtsten Form des Zugzwangs: 60...Kf7! (60...Kf8??=) 61.b4 cxb4 62.c5 b3! 63.cxd6 b2 64.d7 b1D. Es ist aus; Weiss versuchte noch 65.d8S+!?, aber retten konnte dies die Partie auch nicht mehr. Schwarz gewann wenige Züge später.


ALGERIEN – LIBANON (F)
WIM Nassr – Attieh
Stellung nach 75...Td8

Auch in diesem Endspiel entwickelte sich ein spannender Kampf. Schwarz ist ganz offensichtlich eingeengt, aber ihre Verteidigung ist nicht leicht zu durchbrechen.

Lina Nassr fand in der Partie die folgende tolle Umgruppierung: 76.Sc4! Sc6 77.Tc7 Se7 78.Ke5 Kf8?! 79.Sd6 Ta8 80.Td7! (siehe Diagramm)

Das ist der gewinnbringende Setup! Der schwarze Springer und König sind komplett immobilisiert. Weiss kann nun in aller Ruhe ihren König nach b7 bringen und den schwarzen Turm von der 8. Reihe vertreiben.

80...Ta5+ 81.Kf4 Ta8 82.Ke3 Tb8 83.Kd3 Tb3+ 84.Kc4 Tb8 85.Kc5 Ta8 86.Kb6 Tb8+ 87.Kc7 Ta8 88.Kb7 Ta3. (siehe Diagramm)

Ziel erreicht. Der schwarze Turm musste die 8. Reihe verlassen und die Verteidigung ist durchbrochen. 89.Td8+ Kg7 90.Se8+ Kf8 91.Sf6+ Kg7 92.Te8! Der Springer geht verloren. Kate Attieh bereitet noch einen letzten Trick vor. 92...e5!? 93.Txe7 Tb3+ 94.Kc6 Ta3 94.Te8 Ta6+ 95.Kd5. (siehe Diagramm)

96...Ta8!? Eine letzte, hübsche Idee das Matt auf g8 zu verteidigen. Aber nach 97.Sxh5+! gab Schwarz auf.


NICARAGUA – ÄTHIOPIEN (F)
Espinoza Barrios – Mekonnen
Stellung nach 39...e4

Und damit kommen wir zu den Bauernendspielen.

40.gxh5 exf3 41.hxg6?? f2 42.g7 f1D 43.g8D und die Mattfalle schnappt zu: 43...De1+! 44.Ka3 Da1+ 45.Kb4 Da5#

Das Remis wäre mit 41.h6! zu erreichen gewesen – dann hätte die weisse Dame nämlich das Feld a1 kontrolliert.


POLEN – VIETNAM
GM Duda – IM Dau
Stellung nach 49...Kd6

Sehr lehrreich ist auch dieses Beispiel. Gemäss Wilhelm Steinitz befinden sich die Bauern im Endspiel am besten in der Aussgangsstellung, weil man so die Wahl zwischen einem einfachen und einem doppelten Bauernzug hat. Diese Stellung demonstriert dies eindrücklich:

50.Kd2! Kc6 (50...Kd5 51.Kc3 g5 52.g4!+-) 51.Kc3 Kd5 52.g3! g5 53.g4 und Schwarz gab auf.


ELFENBEINKÜSTE – SIERRA LEONE
Amako – Agbaje
Stellung nach 52.Kd3

Das Schachspiel ist voller kreativer und verrückter Ideen – Bauernendspiele bilden hier keine Ausnahme.

In der Partie spielte Schwarz 52...Ke6? 53.Kc4 Kxf6 54.Kxc5 und es ergab sich der sehr unglückliche Umstand, dass er, um seinen f-Bauern vor dem weissen König abzuschilden, das Feld e5 hätte betreten müssen, wonach aber Weiss mit Schach umgewandelt hätte. Es geschah stattdessen 54...Ke6, was aber nach 55.b4+- ebenfalls verlor.

Die Lösung war für einen Amateur kaum zu finden: 52...c4+!! 53.bxc4 Ke5 54.c5 Kxf6 55.Kc4 Ke7! 56.Kb5 f5 57.Kb6 f4 und Schwarz ist schnell genug.


NIGERIA – VIETNAM
FM Abdulraheem – IM Banh
Stellung nach 4...0-0

Und nun noch zwei Beispiele, sodass auch die Eröffnungstheoretiker unter euch auf ihre Kosten kommen.

Als Jugendschachtrainer muss ich meinen Schülern immer wieder sagen, dass sie in der Eröffnung nicht immer nur mit der gleichen Figur ziehen sollen. Der Vietnamese Banh Gia Huy will davon aber nichts wissen.

5.e5 Sh5 6.g4 Sf4 7.Sb3?! (7.Se4 war besser) 7...Sd5 8.c4 Sb4 9.Dd2? a5! 10.a3 S4c6 11.d5 a4! 12.Sbd4 Sxd4 13.Sxd4 (siehe Diagramm)

und schon ab dem 13. Zug hatte Schwarz eine strategisch gewonnene Stellung. Mein Stockfish gibt dieser Stellung die Bewertung -2.8. Bitte zeigt das nicht meinen Schülern!


VENEZUELA – SLOWENIEN
IM Escalona Landi – GM Subelj
Stellung nach 2...d5

Auch im 21. Jahrhundert lassen sich noch interessante Neuerungen im 3. Zug spielen! Samid Eduardo Escalona Landi investierte in diese Stellung 19 Minuten und spielte 3.Sf3!? Es folgte 3...dxe4 4.Sg5 Dd5?! 5.h4 De5!? 6.Sc3 Sf6 7.De2 Lf5 8.Lb2 (siehe Diagramm)

8...h6! 9.Sgxe4 Lxe4 10.d3! e6! 11.a3!? Lc5! 12.dxe4 Ld4 13.Th3 und das Chaos war angerichtet. Die turbulente Partie endete schliesslich remis.


VANUATU – JEMEN (F)
Enock – Rashad
Stellung nach 22...Lf5

Beschliessen möchte ich diesen Artikel mit einer Taktikaufgabe für Supergrossmeister. Leider hat die elfjährige Vanuatuerin (oder "Ni-Vanuatu", oder wie auch immer die Einwohnerinnen dieses Eilands heissen) ihre Chance verpasst.

Es gewann 23.Sd5+!! cxd5 24.exf5 gxf5 25.Txf5+ Ke6 und nun der pittoreske stille Zug 26.Dh3!! Ein Studienkomponist hät's nicht besser gekonnt.

In der Partie hatte Schwarz nach 23.Dh4+ Ke6 24.exf5+ gxf5 25.Dc4+ Kd7 eine Qualität mehr und gewann in 52 Zügen.

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