46. Schacholympiade: Highlights Runden 9-11

Anselm präsentiert die besten Momente aus der Schacholympiade 2026 in Samarkand.

Liebe Leserin, Lieber Leser,
Versprochen wird nicht gebrochen. Hier der letzte Teil meiner Höhepunkte der Olympiade in Samarkand. Vielen Dank an all' die Rückmeldungen, die ihr mir für die bisherigen Teile gegeben habt – das Feedback war grösstenteils positiv! Es wurde unter anderem der Wunsch geäussert, solche Zusammenstellungen auch für unsere SGM-/SMM-Runden zu machen. Wenn da genug Leute mitmachen, wäre das sicher eine tolle Sache.
Manche haben sich auch gefragt, wie ich in so kurzer Zeit so viele Partien anschauen konnte. Ganz einfach: Auf Lichess-App eine Partie anklicken, Engine-Verlauf anschauen, zu den kritischen Momenten springen, Züge durchzappen, aha, Schwarz hat einfach einzügig eine Figur eingestellt, okay, das ist nicht interessant, dann weiter... Mit ein bisschen Übung schafft man so sicher drei bis vier Partien pro Minute. Trotzdem waren es natürlich einige Stunden Arbeit, die sich aber insgesamt gelohnt haben: Ich bin jetzt bestens über die neusten Eröffnungstrends informiert (gefühlt 90% der Leute spielen mit Weiss Katalanisch und mit Schwarz Caro-Kann) und habe gelernt, dass man in jeder Stellung, so hoffnungslos sie auch scheint, noch gewinnen kann!
Am Ende stehe ich jetzt vor einem Dilemma: Ich musste mich bei jeder Zusammenstellung auf 16 Beispiele beschränken, um die Artikel bei vernünftiger Länge zu halten, bleibe nun aber auf über 300 nicht-gebrauchten Beispielen sitzen, mit denen ich nicht genau weiss, was anzufangen. Ich könnte noch einen Follow-Up-Artikel schreiben mit "Honorable Mentions", eine Zusammenstellung der besten Taktiken, oder, wenn ihr's ganz schelmisch mögt, einen Artikel über die dümmsten Blunder auf den Amateurbrettern (da habe ich einige verrückte Sachen gesehen, glaubt mir...). Lasst mich wissen, ob ihr einen dieser Artikel lesen wollen würdet.
Viel Spass beim Lesen!

Anselm

KENYA – LUXEMBURG
FM Jadon – FM Bourg
Stellung nach 35...Tg8

Diese Stellung sieht eher nach Einsetzschach aus. Schwarz droht scheinbar unverhinderbar 36...Tg6 nebst 37...Dxh2+ 38.Kxh2 Th6+ 39.Kg1 Th1#. Was soll Weiss dagegen unternehmen?

Weiss versuchte es nach 36.cxd6? Tg6 mit dem verzweifelten 37.Lg7!?, wonach Schwarz aber nach dem simplen 37...Kxg7 die Oberhand behielt und kurz darauf gewann.

Hätte sich Weiss noch retten können? Unser guter Freund Stockfish weiss natürlich die Antwort: 36.Dc3! Tg6 37.g4! Yep; Man kann sich seinem König einfach ein hübsches Rettungsfeld auf g3 machen. Natürlich geht jetzt 37...Th6? nicht wegen 38.Dg7+ (das war die Idee von 36.Dc3). Und jetzt da Weiss nicht mehr matt geht, könnte man sich um sein eigenes Gegenspiel kümmern. Die Stellung wäre unklar (aber objektiv ausgeglichen).


KANADA – TURKMENISTAN
IM Sai Krishna – Turayev
Stellung nach 55...Sd4

Unterwandlungen dürfen natürlich in keiner Hightlight-Zusammenstellung fehlen.

Mit 56.c8S+! fand Weiss den einzigen Gewinnzug und gewann nach 79 Zügen. 56.c8D? verliert natürlich wegen 56...Txc2+ -+.


MAROKKO – SAUDI-ARABIEN
FM Aithmidou – FM Alrehaili
Stellung nach 32...e3

33.e8S+! und die Partie endete mit den Zügen 33...Kg6 34.Df5#.

Nicht gegangen wäre natürlich 33.e8D?? wegen 33...Dxf2+ nebst matt. Hingegen hätte 33.Dc3+! f6 34.e8D+- auch gewonnen.


URUGAY – FINNLAND (F)
Fabra – WIM Keinanen
Stellung nach 59.Kb3

Und weil so schön ist grad nochmal ein Beispiel.

59...c1S+! Kb2 60.Se2?! und Schwarz gewann mühelos. 59...c1D? hätte nach 60.T1g2+ und 61.Tg1+ zum Dauerschach geführt. Allerdings gab es auch hier eine Alternative zur Unterwandlung: 59...Tb7+ 60.Kc3 c1D+ 61.Txc1 d2!+- hätte auch gewonnen.


INDIEN – GEORGIEN (F)
GM Humpy – GM Dzagnidze
Stellung nach 18...Tfd8

Dass sie nicht umsonst die Weltnummer 9 ist, bewies Koneru Humpy mit dieser schönen Angriffspartie.

19.Sf6+! gxf6 20.Dxh6 Da5+ 21.Td2 Sxe5 (siehe Diagramm)

Weiterhin ist Präzision gefragt. Den Gewinn auslassen würde nun z.B. 22.Tg3+? Sg6, worauf 23.Lxg6? nicht geht wegen 23...Tc1#. Stattdessen spielte Humpy korrekt: 22.Lh7+! Kh8 23.Lf5+ Kg8 24.Tg3+ und Schwarz gab auf wegen 24...Sg6 25.Txg6+! fxg6 26.Lxe6#.


ALBANIEN – MADAGASKAR
FM Boci – CM Andrianiaina
Stellung nach 17...e4

Der Gegner braucht aber nicht immer eine Dame, um einen Angriff zu starten, wie der Antananarivien Heritiana Andrianiaina zu spüren bekam (neuer Lieblingszungenbrecher...).

18.Sxe4! Lxb3. Nach 18...fxe4 19.Lxc6+ Txc6 20.Txe4 Le7 21.Tde1 Kf7 (siehe Diagramm)

gewinnt Weiss die Figur nach 22.f5! mit Zinsen zurück.

Die Partie nahm ein schnelles Ende: Nach 19.Sd6+ Kd7 20.Se8+! gab Andrianiaina angesichts des drohenden Matts auf.


TURKMENISTAN – KANADA
FM Hommadov – IM Noritsyn
Stellung nach 52...a5

Auch hier hätte es dem schwarzen König an den Kragen gehen können; Allerdings waren die Varianten nicht gerade einfach zu berechnen:

Nach 53.f5+! wäre es zu einer wilden Königsjagd gekommen, entweder durch 53...Ke7 54.Lb4+! Sxb4 55.f6+ Ke8 56.f7+! Ke7 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

57.Sg6+! +-

oder nach 53...Kxf5 54.Tf1+ Ke6 55.Tf6+ Kd5 56.Ld4!! (siehe Diagramm)

Analysediagramm

wonach der König in der Mitte des Bretts in einem Mattnetz gesteckt hätte. Das Matt durch 57.Sc3# hätte sich nur noch mit 56...Lb4 verhindern lassen, woraufhin aber Weiss mit 57.Tb6!! dank der Doppeldrohung 58.Txb5+ und 58.Sf6# gewonnen hätte.

Wie gesagt, nicht einfach zu rechnen, aber schön wäre es allemal gewesen. In der Partie kam 53.Sg6, was zwar objektiv keinen Vorteil brachte; Weiss gewann aber dennoch nach 86 Zügen.


ANGOLA – MYANMAR
FM Miguel – FM Sai Han Thiha
Stellung nach 84...c6

Apropos "Mattnetz in der Brettmitte". In dieser scheinbar hoffnungslosen Stellung hätte Schwarz gewinnen können mit 84...Ta8!!. Es stellt sich heraus, dass 85...Ta2 nebst 86...Td2# kaum zu stoppen ist. Am besten wäre noch 85.Lf1, aber nach 85...Ta1 86.Le2 g3! hätte plötzlich der schwarze Freibauer gestochen.

In der Partie geschah 84...Td8+? 85.Td7 Tc8? und Weiss gewann wenig später.


ÄQUATORIALGUINEA – GUAM
FM Mompel Ferruz – CM Prudente
Stellung nach 22...Tc8

Wer war eigentlich Topscorer dieser Olympiade? Nein, es waren nicht Abdusattorov, Gukesh oder Frederik Svane – mit unfassbaren 10½/11 avancierte der 16-jährige, für Äquatorialguinea startende Spanier Xavier Mompel Ferruz zum heimlichen Star des Turniers. Abgesehen vom Startrundenremis gegen den bangladesischen IM Rahman Mohammad Fahad gewann er alle seine Partien. Auch diese hier in Runde 9.

23.c5! bxc5 24.bxc5 d5!? Wenn Schwarz nun zu 25...Lc6 käme, stünde er ziemlich gut. Aber soweit lässt es Mompel Ferruz nicht kommen. 25.c6! Lxc6 26.Txd5. (siehe Diagramm)

26...Db7. Weiss am Zug gewinnt! 27.Dxb7 Lxb7 28.Txc8+ Lxc8 29.Lh6! Schwarz gab auf.

Eine kleine relativierende Bemerkung. Abgesehen von Runde 1 hatte keiner von Mompel Ferruz' Gegnern mehr als 2100 Elo. Er selber steht aktuell bei 2361...


TSCHECHIEN – SCHWEDEN
GM Nguyen – GM Grandelius
Stellung nach 45...Te3

Ein absolut bizarres Endspiel, in das sich Nguyen und Grandelius hier verstrickt haben.

Gewonnen hätte man hier nur mit 46.f5! a3 47.Kf4! mit einer doppelten Pointe: Weiss gewinnt sowohl nach 47...Te1 48.b6+!! Ka8 49.Se4 und Weiss wandelt mit Schach um (darum musste man den weissen König auf die Grundreihe drängen), als auch nach 47...a2 48.Kxe3 a1D 49.e7! (siehe Diagramm)

Analysediagramm

Schwer zu sagen, wann es in einer Grossmeisterpartie zuletzt ein solches Materialverhältnis gegeben hat. Weiss gewinnt dank des e-Bauerns, denn nach 49...De5+ 50.Kf3 Dxe7 gewinnt 51.Sc8+.

In der Partie kam stattdessen 46.Kf5? wonach Grandelius sich mit 46...Txe6! 47.Kxe6 a3 ins Remis rettete: Er wandelte den a-Bauern zur Dame um und kam zu einem Dauerschach.


ENGLAND – PHILIPPINEN (F)
WGM Mirzoeva – WFM Mendoza
Stellung nach 62...b4

Das ist definitiv die Art von Endspiel, die man lieber analysiert als sie selber spielen zu müssen!

63.Ke4! (63.Txc7? Kxa2-+) 63...Se6 64.Tb6! (64.Kd3?? Sc5+ -+) 64...Sf4 65.h4! Se2 66.h5! (siehe Diagramm)

66...Sc3+ 67.Kd3 Sxa2 68.Txh6! Weiss hat einige starke Züge gefunden und steht auf Gewinn. Der h-Bauer hat freie Bahn. Es geht nun nur noch darum, die schwarzen Bauern aufzuhalten. 68...b3 69.Tb6 Sb4+ (siehe Diagramm)

70.Txb4?? Hoppla! Gewonnen hätte 70.Kc4! Sc2 71.h6+-. 70...Kxb4 71.h6 b2 72.Kc2 Ka3! (siehe Diagramm)

Mit Schrecken wird Elmira Mirzoeva hier festgestellt haben, dass sie nach 73.Kb1 Kb3 74.h7 a3 75.h8D a2# mattgesetzt wird. In der Partie geschah:

73.h7 Ka2 78.h8D b1D+ 79.Kd2 Db2+ 80.Dxb2 Kxb2 und Weiss gab auf. Tried so hard, and got so far; But in the end, it doesn't even matter...


TURKMENISTAN – KIRGISTAN (F)
WFM Shohradova – WFM Sovetbekova
Stellung nach 64.Kh6

Und jetzt doch noch was für die, die etwas lernen wollen. Diese Stellung findet ihr auf Seite 321 in Dvoreckijs Endspieluniversität. Gemäss den dortigen Informationen fand Johann Berger die richtige Verteidigungsmethode für solche Stellungen: 64...Kg8! 65.Tg7+ Kf8!=. Offenbar ist es wichtiger, mit dem Läufer auf der b1-h7-Diagonalen zu bleiben, als den König in der Ecke zu behalten.

In der Partie kannte Schwarz diese Idee offenbar nicht und spielte 64...Lc4? und nun ist die Stellung gewonnen, z.B. nach 65.Tb8+ Lg8 66.Kg5! Kh7 67.h6 Ld5 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

68.Te8!. Weiss verhindert, dass der Läufer auf die richtige Diagonale zurückkehren kann. 68...Lc4 69.Te7+ Kh8 70.h7+- und nun ist die Stellung klar gewonnen.

In der Partie kam es so ähnlich. Lala Shohradova (die wir aus Highlights Runden 4-6 bereits kennen) gab ihrer Gegnerin Nurai Sovetbekova noch mehrere Chancen, zum richtigen Setup zurückzukehren, am Ende gewann Shohradova aber in 77 Zügen.


ANGOLA – JORDANIEN
FM Miguel – CM Saif
Stellung nach 58.Sc4

Wer alle meine Olympiade-Highlight-Artikel gelesen hat, hat wahrscheinlich schon herausgefunden, dass ich ein grosser Fan von Endspieltaktiken bin.

58...a4+! 59.Kb4 Lxc4 60.Kxc4 c5! Weiss gab auf.


NEUSEELAND – LITAUEN
WFM Gan – Mickunaite
Stellung nach 60.bxa3

60...Txe4! 61.Txe4 Ld5 62.Kf3 g5! Ein brutaler Zugzwang. Weiss gab auf.


BELGIEN – BULGARIEN
IM Vandenbussche – GM Georgiev
Stellung nach 121.Ta2

Nach 121...Sg3 wäre die Partie ziemlich sicher remis ausgegangen. Auch 121...Sd2!? wäre möglich gewesen. Der Partiezug von Kiril Georgiev war hingegen denkbar ungünstig:

121...Sh2?? 122.Tf2! Zugzwang! Schwarz gab auf.


SINGAPUR – AUSTRALIEN
FM Kaushik – IM Morris
Stellung nach 23...d4

Das Beste musste ich mir natürlich für den Schluss aufsparen. Ich präsentiere also: Die beste (verrückteste, unterhaltsamste, wildeste...) Stellung der Schacholympiade 2026. Bitte anschnallen!

In Betracht kam in dieser Stellung z.B. 24.Ta1 Ta2!? 25.f5!? c3 (25...Sxe5? 26.Txa2!! Sf3+ 27.Kf2 Sxe1 28.Ta8+! Kf7 29.fxe6+ Kxe6 30.Kxe1 c3 31.Ta3!+-) 26.fxe6 c2 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

und wahrscheinlich sollte Weiss nach 27.Tc1 Txb2 28.Df1 h6 29.Dd3 gut stehen. Trotzdem würde ich nicht auf den Ausgang der Partie wetten wollen...

In der Partie geschah stattdessen 24.Dd1 c3! 25.f5!? (25.bxc3? dxc3 26.Txc3 b2 -+) 25...c2 26.Df3 Lc4 (siehe Diagramm)

27.e6 d3?! 28.Dh5! Droht 29.De8#. 28...Ta8 29.Df7+ Kh8 30.f6 Tg8 (siehe Diagramm)

31.Ta1?! Droht 32.Dxg8+ und 32.fxg7+. Vielleicht war die Zugumstellung 31.fxg7+! Txg7 32.Df8+ Tg8 33.Df6+ Tg7 34.Ta1 besser. (siehe Diagramm)

Analysediagramm

Nun scheitert beispielsweise 34...La6 an 35.Df8+ Tg8 36.e7! Sxe7 37.Dxe7 d2 38.Df6+ Tg7 39.Dd8+ Tg8 40.Dxd2+-. Natürlich gibt es noch dutzende andere Varianten zu berechnen.

Zurück zur Partie nach 31.Ta1. Es folgte 31...h6! 32.Dg6 Se7!! (siehe Diagramm)

33.fxg7+. Natürlich nicht 33.fxe7? d2-+. 33...Tg7 34.Dxh6+ Th7 35.Df6+ Tg7 36.Dh6+ Th7 37.Df6+ Tg7 38.Dh4+ Th7 39.Ta8+ Sg8 (siehe Diagramm)

und die Partie endete nach 40.Df6+ Tg7 41.Dh6+ Th7 42.Df6+ Tg7 43.Dh6+ remis. Schade! Ich hätte gesehen, wie sich die Partie entwickelt hätte, wäre sie von Weiss fortgesetzt worden; Leider war das Remis aber genug, um Singapur den Sieg im Match gegen Australien zu sichern, sodass Weiss nicht auf Sieg spielen musste.

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