Interessante Kniffe des Schweizer Systems
Am Luzerner Open 2026 zeigten sich die Eigenheiten "unseres" Paarungssystems.
Das sogenannte Schweizer System kam erstmals bei einem Schachturnier in Zürich 1895 zum Einsatz und geht auf den Schweizer Lehrer Julius Müller zurück. Es hat sich seither zum Standard-Paarungssystem in der Turnierschachszene entwickelt und kommt heute weltweit zum Einsatz. Seit einigen Jahren wird mit dem FIDE Grand Swiss auch eines der wichtigsten Turniere des WM-Turnierzyklus in diesem Format gespielt.
Die Idee des Schweizer Systems ist eigentlich ganz simpel: Während eines Turniers mit vielen Teilnehmern sollen bevorzugt solche Spieler gepaart werden, die dieselbe Punktzahl im Turnier haben. Soweit so gut. Kompliziert wird es erst, wenn man ins Detail geht; Um die konkreten Paarungen zu berechnen, verwenden praktisch alle von der FIDE lizenzierten Paarungsprogramme, inklusive dem weit verbreiteten "Swiss-Manager", das sogenannte FIDE-Dutch-System. Dieses ist vollständig deterministisch, d.h. bei denselben Partieausgängen ergeben sich immer dieselben Paarungen, es ist kein Zufall im Spiel. Dies bedeutet allerdings auch, dass beim Dutch System alle "Edge Cases" berücksichtigt werden müssen; entsprechend kompliziert ist das betreffende Handbuch.
Kurz zusammengefasst lässt sich das Dutch-System so beschreiben: Vor jeder Runde werden Punktegruppen erstellt, d.h. alle Spieler mit gleich vielen Punkten werden in eine Gruppe eingeteilt. Dann werden, Gruppe für Gruppe, die Paarungen erstellt, beginnend mit der obersten Punktegruppe, d.h. beginnend mit den Spielern des Turniers, die die meisten Punkte haben. Bei der Erstellung dieser Paarungen innerhalb einer Punktegruppe kommen mehrere Faktoren ins Spiel, der wichtigste ist die Farbkompatibiliät. Ein Spieler, der in der letzten Runde Weiss hatte, hat eine "Präferenz Schwarz", umgekehrt hat eine Spielerin, die soeben Schwarz hatte, nun eine "Präferenz Weiss". Entsprechend versucht das System, Spieler mit unterschiedlicher Farbpräferenz zu paaren. Geht das nicht auf – weil z.B. innerhalb einer Punktegruppe viele Spieler dieselbe Farbpräferenz haben – gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Erstens, man paart farbunkompatible Spieler, was dazu führt, dass jemand "Doppel-Weiss" oder "Doppel-Schwarz" hat, oder zweitens, dass einer oder mehrere Spieler in die nächsttiefere Punktegruppe verschoben werden, um die Farbkompatibilität auszugleichen.
Beim Zuordnen eines Spielers zu einer tieferen Punktegruppe spricht man von einem "Downfloat". Downfloats kommen auch dann zum Einsatz, wenn die Anzahl Spieler in einer Punktegruppe ungerade ist, oder wenn z.B. alle Spieler einer Gruppe bereits gegeneinander gespielt haben. Dabei wird auch darauf geachtet, dass Spieler nach Möglichkeit nicht mehrmals am Stück einen Downfloat erhalten.
Generell lautet die Devise des Dutch-Systems aber, möglichst wenig zu Floaten. Bei den oben beschriebenen Möglichkeiten, ein Farbunkompatibilitäts-Problem innerhalb einer Punktegruppe zu lösen, wird daher generell immer die erste gewählt; sprich, das Dutch-System betrachtet ein Doppel-Weiss oder Doppel-Schwarz als kleineres Übel wenn verglichen mit einem Float. Erst bei einer sogenannten "absoluten Farbpräferenz" wird die Float-Option gezückt; eine absolute Farbpräferenz liegt dann vor, wenn ein Spieler gerade Doppel-Weiss oder Doppel-Schwarz hatte. Ein Float ist also das kleinere Übel verglichen mit einem Tripel-Weiss oder Tripel-Schwarz.
Und damit kommen wir zu dem, was vergangenes Wochenende in der Kategorie C des Luzerner Opens passiert ist. Die Paarungen von Runde 4 zeigten ein absolut kurioses Bild – so kurios, dass ich es für einen Druckfehler hielt, als ich die gedruckten Paarungen am Turniertag erstmals sah. Zu Beginn von Runde 4 gab es noch vier Spieler mit der Maximalpunktzahl: Rasim Kuldija, Tobias Nguyen, Simon Streuli und Han Wu. Weil sie alle noch die Maximalpunktzahl hatten, konnten sie noch nicht gegeneinander gespielt haben – und trotzdem wurde keiner der vier gegeneinander gepaart!

Ein Bug im Swiss-Manager? Nein, Grund ist ein fast schon astronomisch unwahrscheinlicher Vorfall: Alle vier Spieler hatten nach Runde 3 eine absolute Farbpräferenz Schwarz und mussten deshalb alle downfloaten! Möglich war dies unter anderem wegen ihrer Startnummern: Sie hatten in der ersten Runde alle Schwarz und daraufhin Weiss. In Runde 2 geschah dann folgendes:

Jawohl; alle sieben Partien, die gespielt wurden, endeten mit einem Sieg von Weiss. Und weil Ernard Kuldija forfait gewann, blieb er auf der Farbpräferenz aus der vorherigen Runde sitzen. Vor Runde 3 hatten also alle acht Spitzenspieler Farbpräferenz Schwarz. Der Swiss-Manager gab dementsprechend vier von ihnen Doppel-Weiss, und genau diese vier gewannen ihre Partien dann auch, sodass vor Runde 4 also vier Spieler übrig blieben, die alle noch nicht gegeneinander gespielt hatten und alle dieselbe absolute Farbpräferenz hatten. Entsprechend hatten alle vier einen Downfloat.
Ich kann mich nicht erinnern, schonmal etwas vergleichbares gesehen zu haben. Über Hinweise, ob und wann es sowas schon einmal gegeben hat, wäre ich sehr dankbar. Wenn ihr etwas wisst, meldet euch bei mir!
Ach ja, und Tobias Nguyen gewann das Turnier schliesslich mit perfekten 7/7. Herzliche Gratulation!
– Anselm