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46. Schacholympiade: Highlights Runden 9-11

von Anselm Schönbächler (Kommentare: 0)

Anselm präsentiert die besten Momente aus der Schacholympiade 2026 in Samarkand.

Liebe Leserin, Lieber Leser,
Versprochen wird nicht gebrochen. Hier der letzte Teil meiner Höhepunkte der Olympiade in Samarkand. Vielen Dank an all' die Rückmeldungen, die ihr mir für die bisherigen Teile gegeben habt – das Feedback war grösstenteils positiv! Es wurde unter anderem der Wunsch geäussert, solche Zusammenstellungen auch für unsere SGM-/SMM-Runden zu machen. Wenn da genug Leute mitmachen, wäre das sicher eine tolle Sache.
Manche haben sich auch gefragt, wie ich in so kurzer Zeit so viele Partien anschauen konnte. Ganz einfach: Auf Lichess-App eine Partie anklicken, Engine-Verlauf anschauen, zu den kritischen Momenten springen, Züge durchzappen, aha, Schwarz hat einfach einzügig eine Figur eingestellt, okay, das ist nicht interessant, dann weiter... Mit ein bisschen Übung schafft man so sicher drei bis vier Partien pro Minute. Trotzdem waren es natürlich einige Stunden Arbeit, die sich aber insgesamt gelohnt haben: Ich bin jetzt bestens über die neusten Eröffnungstrends informiert (gefühlt 90% der Leute spielen mit Weiss Katalanisch und mit Schwarz Caro-Kann) und habe gelernt, dass man in jeder Stellung, so hoffnungslos sie auch scheint, noch gewinnen kann!
Am Ende stehe ich jetzt vor einem Dilemma: Ich musste mich bei jeder Zusammenstellung auf 16 Beispiele beschränken, um die Artikel bei vernünftiger Länge zu halten, bleibe nun aber auf über 300 nicht-gebrauchten Beispielen sitzen, mit denen ich nicht genau weiss, was anzufangen. Ich könnte noch einen Follow-Up-Artikel schreiben mit "Honorable Mentions", eine Zusammenstellung der besten Taktiken, oder, wenn ihr's ganz schelmisch mögt, einen Artikel über die dümmsten Blunder auf den Amateurbrettern (da habe ich einige verrückte Sachen gesehen, glaubt mir...). Lasst mich wissen, ob ihr einen dieser Artikel lesen wollen würdet.
Viel Spass beim Lesen!

Anselm

KENYA – LUXEMBURG
FM Jadon – FM Bourg
Stellung nach 35...Tg8

Diese Stellung sieht eher nach Einsetzschach aus. Schwarz droht scheinbar unverhinderbar 36...Tg6 nebst 37...Dxh2+ 38.Kxh2 Th6+ 39.Kg1 Th1#. Was soll Weiss dagegen unternehmen?

Weiss versuchte es nach 36.cxd6? Tg6 mit dem verzweifelten 37.Lg7!?, wonach Schwarz aber nach dem simplen 37...Kxg7 die Oberhand behielt und kurz darauf gewann.

Hätte sich Weiss noch retten können? Unser guter Freund Stockfish weiss natürlich die Antwort: 36.Dc3! Tg6 37.g4! Yep; Man kann sich seinem König einfach ein hübsches Rettungsfeld auf g3 machen. Natürlich geht jetzt 37...Th6? nicht wegen 38.Dg7+ (das war die Idee von 36.Dc3). Und jetzt da Weiss nicht mehr matt geht, könnte man sich um sein eigenes Gegenspiel kümmern. Die Stellung wäre unklar (aber objektiv ausgeglichen).


KANADA – TURKMENISTAN
IM Sai Krishna – Turayev
Stellung nach 55...Sd4

Unterwandlungen dürfen natürlich in keiner Hightlight-Zusammenstellung fehlen.

Mit 56.c8S+! fand Weiss den einzigen Gewinnzug und gewann nach 79 Zügen. 56.c8D? verliert natürlich wegen 56...Txc2+ -+.


MAROKKO – SAUDI-ARABIEN
FM Aithmidou – FM Alrehaili
Stellung nach 32...e3

33.e8S+! und die Partie endete mit den Zügen 33...Kg6 34.Df5#.

Nicht gegangen wäre natürlich 33.e8D?? wegen 33...Dxf2+ nebst matt. Hingegen hätte 33.Dc3+! f6 34.e8D+- auch gewonnen.


URUGAY – FINNLAND (F)
Fabra – WIM Keinanen
Stellung nach 59.Kb3

Und weil's so schön ist grad nochmal ein Beispiel.

59...c1S+! Kb2 60.Se2?! und Schwarz gewann mühelos. 59...c1D? hätte nach 60.T1g2+ und 61.Tg1+ zum Dauerschach geführt. Allerdings gab es auch hier eine Alternative zur Unterwandlung: 59...Tb7+ 60.Kc3 c1D+ 61.Txc1 d2!+- hätte auch gewonnen.


INDIEN – GEORGIEN (F)
GM Humpy – GM Dzagnidze
Stellung nach 18...Tfd8

Dass sie nicht umsonst die Weltnummer 9 ist, bewies Koneru Humpy mit dieser schönen Angriffspartie.

19.Sf6+! gxf6 20.Dxh6 Da5+ 21.Td2 Sxe5 (siehe Diagramm)

Weiterhin ist Präzision gefragt. Den Gewinn auslassen würde nun z.B. 22.Tg3+? Sg6, worauf 23.Lxg6? nicht geht wegen 23...Tc1#. Stattdessen spielte Humpy korrekt: 22.Lh7+! Kh8 23.Lf5+ Kg8 24.Tg3+ und Schwarz gab auf wegen 24...Sg6 25.Txg6+! fxg6 26.Lxe6#.


ALBANIEN – MADAGASKAR
FM Boci – CM Andrianiaina
Stellung nach 17...e4

Der Gegner braucht aber nicht immer eine Dame, um einen Angriff zu starten, wie der Antananarivien Heritiana Andrianiaina zu spüren bekam (neuer Lieblingszungenbrecher...).

18.Sxe4! Lxb3. Nach 18...fxe4 19.Lxc6+ Txc6 20.Txe4 Le7 21.Tde1 Kf7 (siehe Diagramm)

gewinnt Weiss die Figur nach 22.f5! mit Zinsen zurück.

Die Partie nahm ein schnelles Ende: Nach 19.Sd6+ Kd7 20.Se8+! gab Andrianiaina angesichts des drohenden Matts auf.


TURKMENISTAN – KANADA
FM Hommadov – IM Noritsyn
Stellung nach 52...a5

Auch hier hätte es dem schwarzen König an den Kragen gehen können; Allerdings waren die Varianten nicht gerade einfach zu berechnen:

Nach 53.f5+! wäre es zu einer wilden Königsjagd gekommen, entweder durch 53...Ke7 54.Lb4+! Sxb4 55.f6+ Ke8 56.f7+! Ke7 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

57.Sg6+! +-

oder nach 53...Kxf5 54.Tf1+ Ke6 55.Tf6+ Kd5 56.Ld4!! (siehe Diagramm)

Analysediagramm

wonach der König in der Mitte des Bretts in einem Mattnetz gesteckt hätte. Das Matt durch 57.Sc3# hätte sich nur noch mit 56...Lb4 verhindern lassen, woraufhin aber Weiss mit 57.Tb6!! dank der Doppeldrohung 58.Txb5+ und 58.Sf6# gewonnen hätte.

Wie gesagt, nicht einfach zu rechnen, aber schön wäre es allemal gewesen. In der Partie kam 53.Sg6, was zwar objektiv keinen Vorteil brachte; Weiss gewann aber dennoch nach 86 Zügen.


ANGOLA – MYANMAR
FM Miguel – FM Sai Han Thiha
Stellung nach 84.c6

Apropos "Mattnetz in der Brettmitte". In dieser scheinbar hoffnungslosen Stellung hätte Schwarz gewinnen können mit 84...Ta8!!. Es stellt sich heraus, dass 85...Ta2 nebst 86...Td2# kaum zu stoppen ist. Am besten wäre noch 85.Lf1, aber nach 85...Ta1 86.Le2 g3! hätte plötzlich der schwarze Freibauer gestochen.

In der Partie geschah 84...Td8+? 85.Td7 Tc8? und Weiss gewann wenig später.


ÄQUATORIALGUINEA – GUAM
FM Mompel Ferruz – CM Prudente
Stellung nach 22...Tc8

Wer war eigentlich Topscorer dieser Olympiade? Nein, es waren nicht Abdusattorov, Gukesh oder Frederik Svane – mit unfassbaren 10½/11 avancierte der 16-jährige, für Äquatorialguinea startende Spanier Xavier Mompel Ferruz zum heimlichen Star des Turniers. Abgesehen vom Startrundenremis gegen den bangladesischen IM Rahman Mohammad Fahad gewann er alle seine Partien. Auch diese hier in Runde 9.

23.c5! bxc5 24.bxc5 d5!? Wenn Schwarz nun zu 25...Lc6 käme, stünde er ziemlich gut. Aber soweit lässt es Mompel Ferruz nicht kommen. 25.c6! Lxc6 26.Txd5. (siehe Diagramm)

26...Db7. Weiss am Zug gewinnt! 27.Dxb7 Lxb7 28.Txc8+ Lxc8 29.Lh6! Schwarz gab auf.

Eine kleine relativierende Bemerkung. Abgesehen von Runde 1 hatte keiner von Mompel Ferruz' Gegnern mehr als 2100 Elo. Er selber steht aktuell bei 2361...


TSCHECHIEN – SCHWEDEN
GM Nguyen – GM Grandelius
Stellung nach 45...Te3

Ein absolut bizarres Endspiel, in das sich Nguyen und Grandelius hier verstrickt haben.

Gewonnen hätte man hier nur mit 46.f5! a3 47.Kf4! mit einer doppelten Pointe: Weiss gewinnt sowohl nach 47...Te1 48.b6+!! Ka8 49.Se4 und Weiss wandelt mit Schach um (darum musste man den weissen König auf die Grundreihe drängen), als auch nach 47...a2 48.Kxe3 a1D 49.e7! (siehe Diagramm)

Analysediagramm

Schwer zu sagen, wann es in einer Grossmeisterpartie zuletzt ein solches Materialverhältnis gegeben hat. Weiss gewinnt dank des e-Bauerns, denn nach 49...De5+ 50.Kf3 Dxe7 gewinnt 51.Sc8+.

In der Partie kam stattdessen 46.Kf5? wonach Grandelius sich mit 46...Txe6! 47.Kxe6 a3 ins Remis rettete: Er wandelte den a-Bauern zur Dame um und kam zu einem Dauerschach.


ENGLAND – PHILIPPINEN (F)
WGM Mirzoeva – WFM Mendoza
Stellung nach 62...b4

Das ist definitiv die Art von Endspiel, die man lieber analysiert als sie selber spielen zu müssen!

63.Ke4! (63.Txc7? Kxa2-+) 63...Se6 64.Tb6! (64.Kd3?? Sc5+ -+) 64...Sf4 65.h4! Se2 66.h5! (siehe Diagramm)

66...Sc3+ 67.Kd3 Sxa2 68.Txh6! Weiss hat einige starke Züge gefunden und steht auf Gewinn. Der h-Bauer hat freie Bahn. Es geht nun nur noch darum, die schwarzen Bauern aufzuhalten. 68...b3 69.Tb6 Sb4+ (siehe Diagramm)

70.Txb4?? Hoppla! Gewonnen hätte 70.Kc4! Sc2 71.h6+-. 70...Kxb4 71.h6 b2 72.Kc2 Ka3! (siehe Diagramm)

Mit Schrecken wird Elmira Mirzoeva hier festgestellt haben, dass sie nach 73.Kb1 Kb3 74.h7 a3 75.h8D a2# mattgesetzt wird. In der Partie geschah:

73.h7 Ka2 78.h8D b1D+ 79.Kd2 Db2+ 80.Dxb2 Kxb2 und Weiss gab auf. Tried so hard, and got so far; But in the end, it doesn't even matter...


TURKMENISTAN – KIRGISTAN (F)
WFM Shohradova – WFM Sovetbekova
Stellung nach 64.Kh6

Und jetzt doch noch was für die, die etwas lernen wollen. Diese Stellung findet ihr auf Seite 321 in Dvoreckijs Endspieluniversität. Gemäss den dortigen Informationen fand Johann Berger die richtige Verteidigungsmethode für solche Stellungen: 64...Kg8! 65.Tg7+ Kf8!=. Offenbar ist es wichtiger, mit dem Läufer auf der b1-h7-Diagonalen zu bleiben, als den König in der Ecke zu behalten.

In der Partie kannte Schwarz diese Idee offenbar nicht und spielte 64...Lc4? und nun ist die Stellung gewonnen, z.B. nach 65.Tb8+ Lg8 66.Kg5! Kh7 67.h6 Ld5 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

68.Te8!. Weiss verhindert, dass der Läufer auf die richtige Diagonale zurückkehren kann. 68...Lc4 69.Te7+ Kh8 70.h7+- und nun ist die Stellung klar gewonnen.

In der Partie kam es so ähnlich. Lala Shohradova (die wir aus Highlights Runden 4-6 bereits kennen) gab ihrer Gegnerin Nurai Sovetbekova noch mehrere Chancen, zum richtigen Setup zurückzukehren, am Ende gewann Shohradova aber in 77 Zügen.


ANGOLA – JORDANIEN
FM Miguel – CM Saif
Stellung nach 58.Sc4

Wer alle meine Olympiade-Highlight-Artikel gelesen hat, hat wahrscheinlich schon herausgefunden, dass ich ein grosser Fan von Endspieltaktiken bin.

58...a4+! 59.Kb4 Lxc4 60.Kxc4 c5! Weiss gab auf.


NEUSEELAND – LITAUEN
WFM Gan – Mickunaite
Stellung nach 60.bxa3

60...Txe4! 61.Txe4 Ld5 62.Kf3 g5! Ein brutaler Zugzwang. Weiss gab auf.


BELGIEN – BULGARIEN
IM Vandenbussche – GM Georgiev
Stellung nach 121.Ta2

Nach 121...Sg3 wäre die Partie ziemlich sicher remis ausgegangen. Auch 121...Sd2!? wäre möglich gewesen. Der Partiezug von Kiril Georgiev war hingegen denkbar ungünstig:

121...Sh2?? 122.Tf2! Zugzwang! Schwarz gab auf.


SINGAPUR – AUSTRALIEN
FM Kaushik – IM Morris
Stellung nach 23...d4

Das Beste musste ich mir natürlich für den Schluss aufsparen. Ich präsentiere also: Die beste (verrückteste, unterhaltsamste, wildeste...) Stellung der Schacholympiade 2026. Bitte anschnallen!

In Betracht kam in dieser Stellung z.B. 24.Ta1 Ta2!? 25.f5!? c3 (25...Sxe5? 26.Txa2!! Sf3+ 27.Kf2 Sxe1 28.Ta8+! Kf7 29.fxe6+ Kxe6 30.Kxe1 c3 31.Ta3!+-) 26.fxe6 c2 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

und wahrscheinlich sollte Weiss nach 27.Tc1 Txb2 28.Df1 h6 29.Dd3 gut stehen. Trotzdem würde ich nicht auf den Ausgang der Partie wetten wollen...

In der Partie geschah stattdessen 24.Dd1 c3! 25.f5!? (25.bxc3? dxc3 26.Txc3 b2 -+) 25...c2 26.Df3 Lc4 (siehe Diagramm)

27.e6 d3?! 28.Dh5! Droht 29.De8#. 28...Ta8 29.Df7+ Kh8 30.f6 Tg8 (siehe Diagramm)

31.Ta1?! Droht 32.Dxg8+ und 32.fxg7+. Vielleicht war die Zugumstellung 31.fxg7+! Txg7 32.Df8+ Tg8 33.Df6+ Tg7 34.Ta1 besser. (siehe Diagramm)

Analysediagramm

Nun scheitert beispielsweise 34...La6 an 35.Df8+ Tg8 36.e7! Sxe7 37.Dxe7 d2 38.Df6+ Tg7 39.Dd8+ Tg8 40.Dxd2+-. Natürlich gibt es noch dutzende andere Varianten zu berechnen.

Zurück zur Partie nach 31.Ta1. Es folgte 31...h6! 32.Dg6 Se7!! (siehe Diagramm)

33.fxg7+. Natürlich nicht 33.fxe7? d2-+. 33...Txg7 34.Dxh6+ Th7 35.Df6+ Tg7 36.Dh6+ Th7 37.Df6+ Tg7 38.Dh4+ Th7 39.Ta8+ Sg8 (siehe Diagramm)

und die Partie endete nach 40.Df6+ Tg7 41.Dh6+ Th7 42.Df6+ Tg7 43.Dh6+ remis. Schade! Ich hätte gerne gesehen, wie sich die Partie entwickelt hätte, wäre sie von Weiss fortgesetzt worden; Leider war das Remis aber genug, um Singapur den Sieg im Match gegen Australien zu sichern, sodass Weiss nicht auf Sieg spielen musste.

46. Schacholympiade: Highlights Runden 7-8

von Anselm Schönbächler (Kommentare: 0)

Anselm präsentiert die besten Momente aus der Schacholympiade 2026 in Samarkand.

Liebe Leserin, Lieber Leser,
Hier also die Zusammenstellung meiner Höhepunkte aus den Runden 7 und 8 der Schacholympiade in Samarkand. Ich bin ein bisschen in Verzug gekommen mit dem Fahrplan – in dem Moment, wo ich das schreibe, sind es nur noch wenige Stunden bis zum Beginn der Schlussrunde 11. Aber macht nichts; Tolle Highlights und spannende Stellungen vergehen ja nicht.
Obwohl dies nur eine Zusammenfassung von zwei statt zuvor drei Runden ist, ist es mir dennoch gelungen, wieder einige interessante Momente zu finden. Wenn ihr mich fragt, was mein wichtigstes Fazit ist, über 6000 Partien in anderthalb Wochen angeschaut zu haben: "Never give up!" Es gab so viele Partien, in denen eine Seite einen sicher geglaubten Sieg noch herschenkte oder ein technisch einfaches Remis nicht halten konnte. Das spiegelt sich besonders auch in dieser Highlight-Zusammenstellung wieder.
Die Highlights der Runden 9 bis 11 folgen dann zu einem späteren Zeitpunkt, wahrscheinlich Mitte nächster Woche.
Viel Spass beim Lesen!

Anselm

FINNLAND – KIRGISTAN
IM Keinanen – IM Khoroshev
Stellung nach 11...e6

Nikita Khoroshev wurde Opfer einer Eröffnungsfalle. Diese Stellung entstand in der Partie nach 1.g3 d5 2.Sf3 Sf6 3.Lg2 c6 4.c4 dxc4 5.0-0 Sbd7 6.Dc2 Sb6 7.Sa3 Le6 8.Sg5 Lg4 9.Sxc4 Lxe2 10.Se5 Lh5 11.Te1 e6 (kann aber natürlich auch aus anderen Zugreihenfolge entstehen). Der letzte Zug von Khoroshev, 11...e6??, erlaubt Weiss einen forcierten Gewinn, richtig war 11...h6. Offenbar sind schon verschiedene Grossmeister, darunter Grigori Oparin und Milos Perunovic, Opfer dieser Falle geworden.

12.Lf3 Lg6 (12...Lxf3 13.Sexf7+-) 13.Lxc6+! Sbd7.

Kritisch war natürlich 13...bxc6 14.Dxc6+. (siehe Diagramm)

Analysediagramm

Es verlieren sowohl 14...Sfd7 15.Sgxf7 Lxf7 16.Sxf7 Kxf7 17.Dxe6# als auch 14...Sbd7 15.Sxg6! (genau deshalb war es wichtig, den Läufer mit 12.Lf3 nach g6 zu treiben) 15...hxg6 16.Sxf7 Kxf7 17.Dxe6#.

Weiss gewann in 40 Zügen.


UNGARN – AUSTRALIEN
GM Rapport – GM Cheng
Stellung nach 10...Le7

Auf der Suche nach neuen Eröffnungsideen? Die Partien von Richard Rapport sind normalerweise eine fruchtbare Inspirationsquelle.

11.Tg1!? Ein typischer Rapport-Zug. Die Idee ist klar: Der g-Bauer soll in Aktion treten. Bobby Cheng sucht sich verständlichweise Gegenspiel am Damenflügel. 11...c5 12.g4 Tc8 13.a3?! Sxg4 14.Lh1 Sh6 15.Txg7 Sf5 16.Tg1 Lf6 (siehe Diagramm)

und es ist nicht ganz klar, was Weiss auf der g-Linie wirklich erreicht hat, wohingegen Schwarz am Damenflügel seine Karten noch ausspielen kann. Die Engine gibt Schwarz einen recht signifikanten Vorteil. Cheng konnte diesen Vorteil in der Partie beweisen und kam schliesslich in ein gewonnenes Endspiel, wo er Rapport aber noch einmal eine Remischance gab.

17.Db1 Dc7 18.e3 Ke7 19.Se2 Lxf3 20.Lxf3 Sh4 21.Le4 Dxh2 22.Dc2 Lxb2 23.Dxb2 De5 24.Dxe5 Sxe5 25.0-0-0 f5 26.Th1 Shg6 27.Lc2 h5 28. dg1 c4 29.Kb1 Kf6 30.Sd4 Se7 31.Th3 S7c6 32.f4 Sg4 33.Sf3 cxb3 34.LxL3 Sa5 35.La2 Sc4 36.Lxc4 Lxc4 37.Sd4 c3 38.Tg2 cxd2 39.Txd2 Tc3 40.Sc2 Tb8+ 41.Ka2 Tcb3 42.Sb4 Txe3 43.Txe3 Sxe3 44.Sxa6 Ta8 45.Sc5 Txa3+ 46.Kxa3 Sc4+ 47.Kb3 Sxd2+ 48.Kc2 Sc4 49.Kd3 Sb6 50.Ke2 e5 51.fxe5+ Kxe5 52.Kf3 Sd5 53.Kg3 Kf6 54.Kh4. (siehe Diagramm)

54...Sf4? 54...Kg6 hätte gewinnbringenden Vorteil behalten. 55.Sd7+ Kg6 56.Se5+ Kh6 57.Sf7+ Kg7 (siehe Diagramm)

58.Sg5?? Für einen Spieler von Rapports Kaliber ist das ein schrecklicher Fehler. Nach 58.Se5! wird schnell klar, dass Schwarz feststeckt. Er darf den weissen König nicht nach g5 lassen, aber der schwarze König wird auf den Feldern f6. g6 und h6 stets von Springerschachs belästigt. Es wäre ein einfaches technisches Remis.

In der Partie hingegen war Weiss nach 58.Kg6! 59.Sf3 Kh6! in Zugzwang und Schwarz gewann in 78 Zügen.


POLEN – SCHWEDEN
GM Duda – GM Grandelius
Stellung nach 29...Te8

Jan-Krzysztof Duda gegen Nils Grandelius – eine Spitzenpaarung, die es in sich hatte.

30.Dh8+? Wie könnte ein solch offensichtlicher Zug ein Fehler sein? Es stellt sich heraus, dass 30.Td8! (mit der Pointe 30...Txd8 31.De5+) sofort gewonnen hätte, z.B. 30...De4 31.Dh8+ Kf7 32.Th7+ Ke6 33.Txe8+ +-.

In der Partie hingegen war die Stellung nach 30...Kf7 31.Th7+ Ke6 32.Thd7?! alles andere als klar. (siehe Diagramm)

Schwarz hat zwar einen König auf e6, aber er ist dort überraschenderweise relativ gut vor Schachs geschützt. Und die Stellung könnte auch leicht kippen; Nach z.B. 32...Dh3 33.Dg8+ Ke5 34.Th7 Td8! wäre es plötzlich Weiss, der mit 35.Dh8+ Ke6 36.Dg8+ Ke5 das Dauerschach suchen müsste.

In der Partie spielte Grandelius stattdessen in Zeitnot 32...Lc2?? und nach 33.Dg8+ Ke5 34.T1d5+ gab er angesichts des drohenden Damenverlusts nach 34...Ke4 35.Td4+ auf.


ÄQUATORIALGUINEA – KAMERUN
Eyama Oye – CM Makem
Stellung nach 22...Txf6

Und gleich nochmal ein Beispiel, wo sich das "offensichtliche" Schachgebot als unklug herausstellte.

23.Dh7+? Kf8 24.dxe5 Dxe5! Es zeigt sich, dass wenn die weisse Dame noch auf d3 stünde, nun einfach 25.Txe5 möglich wäre. Schwarz gewann in 28 Zügen.


SAO TOME UND PRINCIPE – SENEGAL (F)
Almeida – Ndeye
Stellung nach 26.Dc1

Nach 26...Dg4? 27.Tg1 konnte sich Weiss verteidigen und gewann wenig später. Mit dem hübschen 26...Df3!! (mit Angriff auf den Ld3) hätte sich stattdessen Weiss den vollen Punkt verbuchen können.


SUDAN – ALBANIEN
IM Eltigani – IM Ashiku
Stellung nach 38...Kh8

Keine angenehme Stellung zu spielen, wenn es Zug 39 ist und man nur noch 30 Sekunden auf der Uhr hat.

39.Sh5? Richtige Idee, falsche Ausführung! Es gewann 39.Se8!! wegen 39...Txc1 40.Tg8+! Kxg8 41.Sf6+ Kh8 42.Txh7# und 39...Txe8 40.Tg8+ Kxg8 41.Dg5+ mit baldigem Matt. Sicherlich hatte Weiss mit dem Partiezug ähnliche Überlegungen, allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied. 39...Lxh5! 40.Tg8+ Kxg8 41.Dg5+ Lg6 42.Df6 (siehe Diagramm)

Der zusätzliche Läufer auf g6 ist für Schwarz natürlich von entscheidendem Vorteil. Es droht nun "nur" 43.Dxe6+, und diese eine Drohung ist nicht genug, um Schwarz aus der Ruhe zu bringen. Noch schlimmer, plötzlich geht es dem anderen König an den Kragen: 42...Th1+! 43.Kg3 Tc3+ 44.Kf2 e3+ 45.Kg3 e2+ 46.Kg4 h5+ und Weiss gab auf.


SLOVAKEI – TUNESIEN (F)
WFM Walter – Bousselmi
Stellung nach 30...g4

In scheinbar hoffnungsloser Stellung wirft Weiss in Verzweiflung nochmals alle Figuren nach vorne – und kommt unerwartet zum Erfolg.

31.Td7+!? Kxd7? Das umsichtige 31...Kf8! hätte Komplikationen vermieden und hätte Weiss wohl zum Aufgeben gezwungen. 32.Dd1+ Kc7? Und damit ist der ganze Vorteil futsch! Man hätte mit dem schwierigen 32...Ke7! 33.Dd6+ Ke8 34.gxf4 g3 noch auf Sieg spielen können. Mit der Partiefortsetzung jedoch kam Weiss nach 33.Dd6+ Kxb7 34.Db4+ Ka6 35.Dc4+ zu einem Dauerschach und einem geschenkten halben Punkt.


VAE – NORDMAZEDONIEN
FM Fareed – IM Nikolovski
Stellung nach 20...g5

Ich war mir unschlüssig, ob ich diese Partie in meine Highlight-Zusammenstellung aufnehmen sollte. Nicht etwa, weil die Partie nicht interessant genug wäre, nein, eher im Gegenteil. Sie ist so wild, dass ich sie überhaupt nicht verstehe, nicht einmal, wenn ich Stockfish herbeiziehe. Ich muss mich deshalb für die nachfolgende Analyse entschuldigen; Ich bin gezwungen, Engine-Varianten wiederzugeben, da ich ein zu schlechter Schachspieler bin, um die Stellung selber zu verstehen.

21.h6? Besser war offenbar 21.Th3! Stockfish beurteilt dann die folgende wilde Variante als die beste: 21...Txe5 22.Sxe5 Dxg2 (es droht 23...Df1#) 23.Sd7!! Df1+ 24.Kd2 Dxa1 (24...Txd7+? 25.Kc2 und Weiss gewinnt dank der Doppeldrohung 26.De8+ und 26.Txf1) 25.De6+ Kg7 26.De7+ Kh6 27.Dxd8 Db2+ und Schwarz gibt Dauerschach. 21...Te7? Besser war 21...Kf8!, offenbar als Prophylaxe gegen den Zug De6+ aus der letzten Variante. 22.Th5? Wieder war 22.Th3 besser. 22...Df7? Und nochmal gefiel Stockfish das groteske 22...Kf8! 23.Th3? Jetzt ist dieser Zug gemäss Stockfish nicht mehr gut! 23.Txg5+ hätte remisiert, irgendwie. 23...Td3? Und jetzt hätte gewonnen: 23...g4! 24.Tg3 Dh5. Das finde ich die nachvollziehbarste Variante bisher. 24.De4 (siehe Diagramm)

24...De8? Stockfish: 24...f5! 25.Sxg5 De8 26.Dxd3 (26.Df4 Txe5+ 27.Te3 Dh5=) 26...Lxd3 27.Txd3 Txe5+ 28.Kf1 und die Stellung scheint recht unklar. 25.Td1 Txf3 26.Dxf3 Txe5 27.Kd2 Td5+ (siehe Diagramm)

28.Kc1? "Komplett offensichtlich" war 28.Kc3! der richtige Zug. Die folgende Variante könnte jeder Fünfjährige im Halbschlaf berechnen: 28...De5+ 29.Kc2 Txc5+ 30.Kb1 Le2 31.Td8+ Kf7 32.De3 Lg4 33.Dxe5 Txe5 34.Th1+-. 28...Le2 29.Dxd5 cxd5 30.Te3 Db5 31.Txd5 (siehe Diagramm)

Ich glaube, ich breche meine Besprechung dieser Partie hier ab. Gemäss Stockfish steht Schwarz hier auf Gewinn, aber drei Züge später stand dann Weiss auf Gewinn und am Schluss war die Partie remis. So, und damit fertig mit diesem Unfug...


ÄGYPTEN – LITAUEN
FM Kandil – GM Laurusas
Stellung nach 45...Th7

Ahmed Kandil hatte in dieser Stellung drei Bauern mehr gegen Tomas Laurusas. Aber was dann geschah, war recht aussergewöhnlich.

46.Ld8+? Kc5! Es stellt sich heraus, dass 47.Lxa5? Txh3+! 48.Txh3 im Patt enden würde. Weiss verliert nun den wichtigen c4-Bauern, da er die Drohung 47...Td7+ abwehren muss. 47.Ke4 Sxc4 48.b6 Sxa3= mit einem remislichen Endspiel. Aber es kam knüppeldick für Kandil: Nach einem Patzer im 62. Zug verlor er die Partie sogar noch.


LIECHTENSTEIN – TRINIDAD UND TOBAGO
Krieger – FM Harper
Stellung nach 60...Sxg6

Schwer zu glauben, dass diese Stellung gewonnen ist für Weiss. Aber mit einem tödlichen Zugzwang ist vieles möglich: 61.Kd5!! Th6 62.Ke6 Kh7 63.Kf6 und Weiss gewinnt den vollen Springer.

In der Partie geschah 61.Kf5? Tf3+ 62.Kg5 Sf4, wonach die Partie bald remis endete.


SÜDKOREA – FINNLAND (F)
WCM Park – Lehtinen
Stellung nach 48.Kg2

Die Idee, mit der Schwarz in dieser Stellung das Remis hätte halten können, kannte ich bisher nur aus Studien: 48...Kd7! 49.Kf3 (49.Lb8 Sc4! 50.Lc7 Kc6 51.Kf3 Sxb6=) 49...Kc6 (oder 49...Kc8) 50.Kf4 Kg7 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

mit einem simplen Remis: Selbst wenn Weiss den h7-Bauern erobert, ist garantiert, dass sich der Springer immer für den vom König unterstützten weissen Randbauern opfern kann – In diesem Fall bliebe dann nur noch die lustige Konstruktion am Damenflügel übrig, die eine Festung darstellt; Weiss kann ihren Läufer nicht befreien und den schwarzen König nicht von den Feldern b7 und a8 vertreiben.

In der Partie geschah 48...Kf7? und Weiss gewann nach 60 Zügen.


BELARUS – SPANIEN (F)
FM Abramkina – IM Matnadze Bujiashvili
Stellung nach 76...Txb5

Turnierspieler bitte jetzt aufpassen! Veranika Abramkina spielte hier 77.Th7? und nach 77...Tf5! 78.Kd1 Tf1+! 79.Kc2 Ke2! -+ kam es unweigerlich zur Lucena-Stellung.

Zur Philidor-Stellung hätte 77.Kd1! geführt, z.B. 77...Td5+ 78.Ke1 Ta5 79.Tc3+! (nicht die passive Verteidigung 79.Tc1? Kf3 -+) 79...Kd4 80.Tb3 (Dritte-Reihe-Verteidigung) oder 77...Tb1+ 78.Kc2 Th1 79.Te7! (Angriff aus dem Hinterland). Zeit wieder einmal das verstaubte Endspielbuch hervorzuholen, gäll?

Als Kontrollfrage. Wäre die Stellung auch remis, wenn der schwarze Turm auf a5 (statt b5) gestanden wäre?


IRLAND – BURUNDI
IM O'Gorman – IM Chambers
Stellung nach 70.La5

Kinderleicht gewonnen hätte man mit einer Sperre: 70...Kb3 gefolgt von 71...Kc2, 72...Lb2 und 73...Lc3. Stattdessen blieb Chambers nach 70...d2? 71.Lxd2 Lxd2 72.Ke4 Lc3 74.h4!= nebst 75.f5 auf dem falschen Läufer sitzen.


KOSOVO – ANDORRA
WCM Saraci – WCM Muratet Carmona
Stellung nach 44.Kd2

Siehst du den Gewinnplan in diesem Endspiel?

Ndriqona Saraci startete das Wettrennen mit 44...Kc5, war aber zwei Tempi zu langsam, um zu gewinnen: 45.Ke3 Kxb6 46.Kf4 Kb5 47.Kg5 Kb4 48.Kxh5 Kb3 49.Kxg4 Kxb2 50.Kh5 b5 51.g4 b4 52.g5 b3 53.g6 Kc3 und remis. Das Problem war, dass der schwarze König erst nach b6 und dann nach b2 rennen musste. Die Lösung war also simpel: Man musste den b2-Bauern nach vorne zwingen, indem man Weiss in Zugzwang brächte. Dies schafft man durch Bildung eines Freibauerns am Königsflügel: 44...Ke4 45.Ke2 Kf5 46.Ke3 Kg5 47.Kf2 h4 48.gxh4+ Kxh4 49.Kg2 g3 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

und nun z.B. 50.Kg1 Kh3 51.Kh1 g2+ 52.Kg1 Kg3 53.b4!? Kf3 54.b5 Ke3 und Schwarz wird ein Schlüsselfeld des b7-Bauerns gewinnen.


BANGLADESCH – NORWEGEN
WCM Alo – WFM Hagesather
Stellung nach 43...g4

Nicht mehr als zu einem Remis reichte es Nusrat Jahan Alo nach 44.hxg4? fxg4 45.Le4=.

Es gewann 44.Lxg4! fxg4 45.h4! a6 46.a4+-. Die schwarzen Springer und König können als Nahkämpfer nicht gleichzeitig den h-Bauern und die Bauern am Damenflügel stoppen.


JERSEY – GHANA (F)
WCM Carpenter – Dotse
Stellung nach 41.Sd3

Und zum Schluss noch eine Lebensweisheit: Niemand kann zu ihrem Glück gezwungen werden.

41...g5?? 42.Sc5?? 42.Se5 oder 42.Se1 hätten im nächsten Zug mattgesetzt. Schwarz gewann schliesslich nach 54 Zügen.

46. Schacholympiade: Highlights Runden 4-6

von Anselm Schönbächler (Kommentare: 0)

Anselm präsentiert die besten Momente aus der Schacholympiade 2026 in Samarkand.

Liebe Leserin, Lieber Leser,
Hier ist er also, Teil 2 meines Recaps der Schacholympiade in Samarkand. Wieder habe ich über 2000 Partien durchstöbert, um für euch die besten und interessantesten Momente herauszupicken. Diesmal präsentiere ich auch ein bisschen komplexere Partieausschnitte, was die ganze Zusammenstellung ein bisschen länger werden lässt – Ich hoffe dennoch, dass die Länge des Artikels nicht die Aufmerksamkeitsspanne einer Person unserer heutigen Zeit überschreitet...
Wieder war es schwierig, sich aus den zahlreichen spannenden Partien auf nur 16 Momente zu beschränken. Nicht fehlen in dieser Highlight-Sammlung durfte natürlich der Auftritt unseres Réti-Grossmeisters Sebastian Bogner gegen Yagis Kaan Erdogmus, auch wenn uns das Finale dieser Partie fast das Herz zerreisst.
Übrigens: Wer auf der Suche nach Taktikaufgaben ist, solle sich bei mir melden. Ich habe aus diesen sechs Runde so viel Aufgabenmaterial gesammelt, ich könnte ganze Bücher füllen.
Viel Spass beim Lesen!

Anselm

TÜRKEI – SCHWEIZ
GM Erdogmus – GM Bogner
Stellung nach 39.Te3

Réti-Power trifft auf den jüngsten 2700-Elo-Spieler der Schachgeschichte! Unser Grossmeister Sebastian Bogner hatte hier gegen das Supertalent Yagiz Kaan Erdogmus eine dominante Stellung, doch ein Supergrossmeister gibt sich bekanntlich nicht so leicht geschlagen...

Verlockend sah 39...Tc3 aus, aber Weiss hielte den Laden dicht mit 40.Sd5. Was Sebastian wohl aufgrund der Zeitnot nicht in Betracht zog war das spektakuläre 39...Dxe3!? 40.fxe3 Tc2+ 41.Se2 (41.Kf1? gxf4 42.exf4 Td8! 43.Ta1 Sg4-+) Txe2 42.Kf1 Txe3 mit unklarer Stellung. Er entschied sich verständlicherweise für das konservativere 39...Dc4, wonach Erdogmus, ebenfalls in Zeitnot, mit dem Zug 40.Sh5+? fehlgriff. Nach 40...Kg6! bekamen beide Spieler zusätzliche 30 Minuten auf die Uhr.

Es folgte 41.g4 Tc6 (nicht 41...Sxg4? wegen 42.Tc3!=. Nun scheitert 42...De6? an 43.Txc8 Txc8 44.Ta6+-) 42.Sg3 Tf6! 43.Ta6 Txa6 44.Dxa6 Dc6?! (siehe Diagramm)

Die Maschine empfiehlt Weiss nun mit 45.Dxc6+ die Damen zu tauschen, weil er nach 45...Sxc6 46.Sf5 und 47.Th3 Gegenspiel auf den schwachen h6-Bauern hat und den schwarzen Turm so zur passiven Verteidigung zwingen kann.

Erdogmus entschiedet sich aber die Damen auf dem Brett zu behalten. Nach 45.Da7?! Sxg4 46.Ta3 Te6 47.Dd4?! erreichte die Partie einen dramatischen Moment. (siehe Diagramm)

Hätte Sebastian hier realisiert, dass er mit 47...Tf6! 48.Ta2 Db6! den Damentausch erzwingen kann, hätte er die Partie dank der zwei Mehrbauern wahrscheinlich problemlos gewonnen. Es ist von aussen schwierig zu sagen, was ihn von dieser Variante abhielt; Möglicherweise dachte er, er komme durch Druck auf den e4-Bauern leichter zum Ziel.

Nach 47...Sf6?! 48.Tc3 Db6 49.Dd3 Te5 blieb die Situation unübersichtlich. Erdogmus, listig wie er ist, stellt trotz verlorener Stellung noch einige knifflige Fallen – eine davon schnappte leider zu.

Er zog 50.Tc8!? und nach 50...g4? 51.Dd2?! kam der grosse Wendepunkt. (siehe Diagramm)

Immer noch gewonnen, wenn auch nicht ganz mühelos, hätte 51...Sxe4 52.Dc2 (52.Sxe4 Txe4 53.Th8 Kg7!-+) 52...Dxf2+! 53.Dxf2 Sxf2 54.Kxf2 h5!-+. Es ist allerdings schwer, sich mit einem solch technisch schwierigen Endspiel zufrieden zu geben, wenn man zuvor noch komplett auf Gewinn gestanden war. Deshalb, die Idee seines Gegners übersehend, zog Sebastian 51...Db7?? und nach 52.Th8! Tg5 53.Dd6!! war die Wende komplett; Es folgt nun unverhinderbar 54.Df8 und 55.Dxh6+. Sebastian versuchte noch 53...Dd7 54.Df8 Sh7, doch es war zwecklos – Erdogmus sicherte sich nach 55.Dg8+ Kf6 56.Dxh7+- schlussendlich den Sieg.

Das ist die Art von Niederlage, von der man mindestens eine schlaflose Nacht kriegt!


ENGLAND – GEORGIEN
GM McShane – GM Paichadze
Stellung nach 51.Dc7

Was für ein Chaos! Beide Spieler befanden sich bereits in Zeitnot, als sie sich durch diese verrückte Stellung navigieren mussten.

51...f4? Dies bringt den h-Bauern zur Umwandlung, läuft aber in einen brillianten Konter hinein. Besser war z.B. 51...Df6 mit komplett unklarer Stellung.

52.Txf4 h2 53.Ld3+! Kh8 54.Tf5 Dh4+ 55.Ka3 h1D (siehe Diagramm)

56.Th5+!! Kg8 57.Lc4+ Ld5 58.Lxd5 Dxd5 59.Txd5 und Weiss gewann einige Züge später.


IRAK – BRASILIEN
FM Zozek Salah – GM Fier
Stellung nach 32...Thg8

Wie in einem wahnwitzigen Fiebertraum ging es in dieser Partie zu und her.

33.Dc7+? Dies treibt den König weiter nach unten, was aber paradoxerweise die schwarze Königssicherheit eher verbessert. Nach z.B. 33.a3! bxa3 34.Dxa3+ Kb5 35.Sd4+ Kb6 36.Se6+ Kc6 37.Da4+ wäre es für den König in die andere Richtung gegangen, wo es deutlich ungemütlicher gewesen wäre.

33...Ka4 34.b3+ Ka3. Interessanterweise scheint der König auf a3 vergleichsweise sicher zu sein. 35.bxc4 Txg2+?! Auch der weisse König soll ein bisschen frische Luft spüren! 35...Dxf3? ging übrigens nicht wegen 36.Da5+ nebst matt. 36.Kxg2 Dxf3+ 37.Kf1 (siehe Diagramm)

37...a5 (stoppt 38.Da5+) 38.Lc1+?! Kxa2 39.Te2+ Kb1. Touchdown! Der schwarze König hat es bis an die Grundlinie geschafft.

40.Dxh7+ Le4 41.Txe4 (siehe Diagramm)

41...Dd3+? Nach 41...Dh1+! 42.Ke2 Kxc1 (es droht 43...Dd1+) 43.Dh6+ Kb1 44.De3 Dc1! ist der König offenbar sicher und Schwarz sollte mit seinen Freibauern gewinnen können. All' das lässt sich natürlich leicht sagen, wenn man nebenbei eine Engine am laufen hat...

42.Kg1 b3 43.Lg5? Es droht 44.Te1+ (siehe Diagramm).

43...Ka2? Gewonnen hätte gemäss Stockfish 43...Te8!! 44.Le7 (44.Te7 Dxh7 45.Txh7 Tg8! 46.h4 b2-+) Ka2-+.

Es folgten die Züge: 44.De7 b2 45.Te2 Tg8 46.h4 a4 47.c5 Ka1 48.Kh2 a3? 49.c6 (siehe Diagramm)

49...b1D 50.Lf6+ Db2 51.Lxb2+ axb2 52.Da7+! Kb1 53.Te1+! Kc2 (siehe Diagramm)

... und die Partie endete nach 54.Da4+ Kc3 55.Da3+ Kc2 56.Da4+ Kc3 57.Da3+ Kc2 58.Da4+ im Dauerschach. Aus neutraler Sicht ein akzeptables Resultat, denn nach dem Spektakel, das uns geboten wurde, hat es keiner der beiden Spieler verdient, zu verlieren! Allerdings muss gesagt werden, dass Weiss in der Schlussstellung auf Gewinn stand: 58.Dc5+ Kd2 (58...Kb3 59.c7+-; 58...Dc3 59.Te2+ +-) 59.Db4+ Kc2 (59...Dc3 60.Te2+! Kxe2 61.Dxc3 b1D 62.Dc4+ +-) 60.Te3! Dxe3 61.fxe3 b1D 62.Dc4+ nebst 63.Dxg8 hätte Weiss ein gewonnenes Damenendspiel gegeben – für dessen Verwertung es aber wohl nochmal 30 Züge oder mehr gebraucht hätte.


SÜDAFRIKA – ZYPERN (F)
Masango – WCM Sokolova
Stellung nach 50...Kf5

Auch hier hatte Schwarz einen wagemutigen König. Weiss dachte wohl, sie gewinne brilliant mit 51.g4+!? Kxg4 52.Se6, aber nach 52...Tg8! 53.Sxc7 Kh3+!! 54.Kh1 Tg2 endete die Partie im Dauerschach mit ...Th2+ und ...Tg2+.


LETTLAND – TÜRKEI
CM Germanovs – GM Gurel
Stellung nach 61.c7

Einer für die Galerie: 61...Ta1+! 62.Kf2 Ta2+ 63.Kf1 Le2+ 64.Kf2 h2! (siehe Diagramm)

65.c8D Lg4+ 66.Kg3 h1S#. Hübsch!


SENEGAL – VAE
El – FM Abdulrahman
Stellung nach 10...f5

Noch eine verrückte Partie gefällig? Bitteschön.

Diese bekannte Theoriestellung entsteht aus der Sweschnikow-Variante nach 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Lxf6 gxf6 9.Sa3 b5 10.Sd5 f5. Der Hauptzug ist hier 11.Ld3, aber der Partiezug hat es auch schon in die Grossmeisterparxis geschafft.

11.Lxb5!? axb5 12.Sxb5 Ta4 13.b4!? (öffnet die b-Linie) 13...Txb4 14.Sbc7+ Kd7 15.Dh5?! Bisher wurde von den Profis stets 15.0-0 gespielt. (siehe Diagramm)

15...Txe4+ 16.Kf1 Se7 17.Dxf7 Kc6 18.c4 Tg8 19.Tb1 Tg7 20.Tb6+ Kc5 21.Tb5+ Kc6 (siehe Diagramm)

22.Tb6+ Kc5 23.Tc5+ Kc6. War's das? 24.Se6!? Nein! Weiss spielt weiter auf Sieg. Stockfish ist allerdings weniger begeistert und hätte das Remis genommen.

24...Txf7 25.Sxd8+ Kd7 26.Sxf7 Sxd5 27.Txd5 (siehe Diagramm)

27...La6! Das ist der entscheidende Zug, nach dem der Spass für Weiss ziemlich abrupt zu Ende geht. Allerdings hatte Weiss zuvor nichts besseres; 24.Se6 war schlicht ein Verlustzug. Mut wird im Schach einfach viel zu selten belohnt!

28.f3 Lxc4+ 29.Kf2 Te2+ 30.Kg3 Lxd5-+ und Schwarz gewann einige Züge später.


SPANIEN – TURKMENISTAN (F)
IM Garcia Martin – WFM Shohradova
Stellung nach 35.Tg2

Auch in dieser Partie gab es mehrere bemerkenswerte Vorkommnisse.

Die Stellung ist matt in zwei: 35...Txg3+ 36.Txg3 Dh2#. In jeder Trainingsstunde hätte Lala Shohradova dies wohl in einer Sekunde erkannt, aber Druck, Nerven und Zeitnot kann bei uns Schachspielern einiges anrichten.

Nach 35...De3?? 36.h7 Txg3+ 37.Txg3 Sg5+ 38.Kh4 Df4+ 39.Tg4 fxg4 40.h8D+ Kc7 kam das Geschenk aber von Marta Garcia Martin zurück. (siehe Diagramm)

Trotz neu gewonnener Zeit auf der Uhr zog sie zügig 41.Dxg4?? (fast alle anderen Züge hätten gewonnen) fand sich aber nach 41...Sf3+! 42.Kh5 Dh2+ 43.Kg6 Sxe5+ 44.Kg5 Sf7+ 45.Kg6 Se5+ 46.Kg5= in einem fast schon absurden Dauerschach wieder. (siehe Diagramm)

Shohradova hätte nun sogar mit 46...Sf7+ 47.Kg6 Sxh8+!? 48.Lxh8 Dxc2+ 49.Kh6 Dxb3 wieder beginnen können, auf Sieg zu spielen, sie sah aber wohl ein, dass sie schon genug mit dem Feuer gespielt hatte und willigte ins Remis ein.


MADAGASKAR – NEUSEELAND
CM Andriamasoandro – FM Mao
Stellung nach 98.a8D

Generell scheint an diesem Turnier ein Fluch auf der Seite mit zwei Damen zu lasten. Macht auch Sinn – in Usbekistan ist Polygamie strengstens verboten und wird strafrechtlich verfolgt...

Wie auch immer, normalerweise gewinnen wie in solchen Situationen zwei Damen gegen eine, weil aber beide weissen Damen sehr passiv am Brettrand stehen, kann sich Schwarz gewisse Hoffnungen machen. Was Weiss hilft, ist dass praktisch jeder Damentausch gut für ihn ist; Zwar remisiert ein f-Bauer auf der 2. Reihe gegen die Dame, aber der König auf g3 ist etwas ungünstig platziert und wird noch ein Tempo brauchen, bis er da ist, wo er sein will (nämlich möglichst nah am Feld f1).

Es folgten die Züge: 98...Db6+ 99.Kc2? Dc5+ 100.Kd2 Db4+ 101.Kc2 Dc4+ 102.Kb2 Db4+ 103.Ka2 Dc4+ 104.Kb1 (siehe Diagramm)

104...Db3+? 105.Kc1 De3+ 106.Kb2 De5+ 107.Kb3 Db5+ 108.Kc3 Dc5+ 109.Kd3 Db5+ 110.Kd4 Db4+ 111.Ke5 Dc3+ 112.Ke6 Dc4+ 113.Kd6 Db4+ 114.Kd7 Dg4+ 115.Ke7 Dg5+ 116.Kf7 Df4+ 117.Kg8 Kg2. (siehe Diagramm)

Jetzt ist Weiss dran mit Schachs geben, aber jetzt ist nicht mehr zwingend jeder Damentausch gut, weil Schwarz mit ...f2 nur noch ein Zug entfernt ist, ein ausgeglichenes Dame-gegen-Bauer-Endspiel zu erreichen.

118.Da2+ hätte nun zu einem schnellen Matt geführt, z.B. 118...f2 119.Dd5+ Kg3 120.Ddd3+ Df3 121.Dhg6+ Kf4 122.Dd4+ De4 123.Ddxe4#. Weiss spielte stattdessen das vernünftig aussehende 118.Dg6+ Kh2 119.Db7!?, aber nun war Schwarz wieder an der Reihe: 119...Dc4+ 120.Dgf7 (120.Dbf7 Dc8+ 121.Kg7 Dc3+ 122.Kh7 hätte sich angeboten) 120...Dg4+ 121.Kh8 Dd4+ 122.Kg8 Dd8+ 123.Kh7 Dh4+ 124.Kg7 Dg5+. (siehe Diagramm)

Kurz vor der 8-Stunden-Marke dann das antiklimatische Ende: Weiss zog 125.Dg6? und nach 125...Dxg6+ 126.Kxg6 f2= endete die Partie vier Züge später remis.

Für die, die's interessiert. Gemäss Tablebase war die Anfangsstellung gewonnen, nach 100.Kg2 war die Stellung remis, ab 104...Db3+ wieder gewonnen (remisiert hätte 104.Db4+) und dann weiterhin gewonnen bis 125.Dg6. Computerschach ist halt doch nochmal auf einem anderen Level.

Wenn ich mich nicht täusche, war dies die bisher längste Partie des Turniers.


OMAN – VAE (F)
Al Mamary – AlShamsi
Stellung nach 46...Sf6

Die Omanerin Kothar Al Mamary entwickelt sich zu meiner Lieblingsspielerin des Turniers. Nachdem sie in der Startrunde die Norwegerin Niina Koskela in eine Pattfalle gelockt hatte (siehe Highlights Runden 1-3), sorgte sie auch in dieser Partie für mehrere spannende Momente.

Sie spielte das waghalsige 47.Lxh5!? Txh5 (unklar wäre auch 47...Sxh5+ 48.Kg4 Sg7 49.Th7 Tf7 50.h5) 48.Txh5 Sxh5 49.Kg4 Sf6+ 50.Kf5 Sg8 51.Ke6 Sh6 52.h5. (siehe Diagramm)

Wieder einmal bewahrheitet sich das altbekannte Narrativ, dass ein Springer schwach ist im Kampf gegen einen Randbauern. Aber reicht es Weiss auch zum Sieg?

52...Sg4 53.Kf5 Se5 54.Ke6 Sg4 55.Kf5 Se5 56.h6 Kd7! (56...Sf7? 57.Kg6+-) 57.h7 Sf7 58.Kf6 Sh8 59.Kg7 Ke8. (siehe Diagramm)

60.Kxh8?? Es wäre Zeit gewesen, sich mit 60.Kg8 mit einem Remis zu begnügen. Jetzt gerät Al Mamary in die Fänge eines Halbpatts, der berüchtigtsten Form des Zugzwangs: 60...Kf7! (60...Kf8??=) 61.b4 cxb4 62.c5 b3! 63.cxd6 b2 64.d7 b1D. Es ist aus; Weiss versuchte noch 65.d8S+!?, aber retten konnte dies die Partie auch nicht mehr. Schwarz gewann wenige Züge später.


ALGERIEN – LIBANON (F)
WIM Nassr – Attieh
Stellung nach 75...Td8

Auch in diesem Endspiel entwickelte sich ein spannender Kampf. Schwarz ist ganz offensichtlich eingeengt, aber ihre Verteidigung ist nicht leicht zu durchbrechen.

Lina Nassr fand in der Partie die folgende tolle Umgruppierung: 76.Sc4! Sc6 77.Tc7 Se7 78.Ke5 Kf8?! 79.Sd6 Ta8 80.Td7! (siehe Diagramm)

Das ist der gewinnbringende Setup! Der schwarze Springer und König sind komplett immobilisiert. Weiss kann nun in aller Ruhe ihren König nach b7 bringen und den schwarzen Turm von der 8. Reihe vertreiben.

80...Ta5+ 81.Kf4 Ta8 82.Ke3 Tb8 83.Kd3 Tb3+ 84.Kc4 Tb8 85.Kc5 Ta8 86.Kb6 Tb8+ 87.Kc7 Ta8 88.Kb7 Ta3. (siehe Diagramm)

Ziel erreicht. Der schwarze Turm musste die 8. Reihe verlassen und die Verteidigung ist durchbrochen. 89.Td8+ Kg7 90.Se8+ Kf8 91.Sf6+ Kg7 92.Te8! Der Springer geht verloren. Kate Attieh bereitet noch einen letzten Trick vor. 92...e5!? 93.Txe7 Tb3+ 94.Kc6 Ta3 94.Te8 Ta6+ 95.Kd5. (siehe Diagramm)

96...Ta8!? Eine letzte, hübsche Idee das Matt auf g8 zu verteidigen. Aber nach 97.Sxh5+! gab Schwarz auf.


NICARAGUA – ÄTHIOPIEN (F)
Espinoza Barrios – Mekonnen
Stellung nach 39...e4

Und damit kommen wir zu den Bauernendspielen.

40.gxh5 exf3 41.hxg6?? f2 42.g7 f1D 43.g8D und die Mattfalle schnappt zu: 43...De1+! 44.Ka3 Da1+ 45.Kb4 Da5#

Das Remis wäre mit 41.h6! zu erreichen gewesen – dann hätte die weisse Dame nämlich das Feld a1 kontrolliert.


POLEN – VIETNAM
GM Duda – IM Dau
Stellung nach 49...Kd6

Sehr lehrreich ist auch dieses Beispiel. Gemäss Wilhelm Steinitz befinden sich die Bauern im Endspiel am besten in der Aussgangsstellung, weil man so die Wahl zwischen einem einfachen und einem doppelten Bauernzug hat. Diese Stellung demonstriert dies eindrücklich:

50.Kd2! Kc6 (50...Kd5 51.Kc3 g5 52.g4!+-) 51.Kc3 Kd5 52.g3! g5 53.g4 und Schwarz gab auf.


ELFENBEINKÜSTE – SIERRA LEONE
Amako – Agbaje
Stellung nach 52.Kd3

Das Schachspiel ist voller kreativer und verrückter Ideen – Bauernendspiele bilden hier keine Ausnahme.

In der Partie spielte Schwarz 52...Ke6? 53.Kc4 Kxf6 54.Kxc5 und es ergab sich der sehr unglückliche Umstand, dass er, um seinen f-Bauern vor dem weissen König abzuschilden, das Feld e5 hätte betreten müssen, wonach aber Weiss mit Schach umgewandelt hätte. Es geschah stattdessen 54...Ke6, was aber nach 55.b4+- ebenfalls verlor.

Die Lösung war für einen Amateur kaum zu finden: 52...c4+!! 53.bxc4+ Ke5 54.c5 Kxf6 55.Kc4 Ke7! 56.Kb5 f5 57.Kb6 f4= und Schwarz ist schnell genug.


NIGERIA – VIETNAM
FM Abdulraheem – IM Banh
Stellung nach 4...0-0

Und nun noch zwei Beispiele, sodass auch die Eröffnungstheoretiker unter euch auf ihre Kosten kommen.

Als Jugendschachtrainer muss ich meinen Schülern immer wieder sagen, dass sie in der Eröffnung nicht immer nur mit der gleichen Figur ziehen sollen. Der Vietnamese Banh Gia Huy will davon aber nichts wissen.

5.e5 Sh5 6.g4 Sf4 7.Sb3?! (7.Se4 war besser) 7...Sd5 8.c4 Sb4 9.Dd2? a5! 10.a3 S4c6 11.d5 a4! 12.Sbd4 Sxd4 13.Sxd4 (siehe Diagramm)

und schon ab dem 13. Zug hatte Schwarz eine strategisch gewonnene Stellung. Mein Stockfish gibt dieser Stellung die Bewertung -2.8. Bitte zeigt das nicht meinen Schülern!


VENEZUELA – SLOWENIEN
IM Escalona Landi – GM Subelj
Stellung nach 2...d5

Auch im 21. Jahrhundert lassen sich noch interessante Neuerungen im 3. Zug spielen! Samid Eduardo Escalona Landi investierte in diese Stellung 19 Minuten und spielte 3.Sf3!? Es folgte 3...dxe4 4.Sg5 Dd5?! 5.h4 De5!? 6.Sc3 Sf6 7.De2 Lf5 8.Lb2 (siehe Diagramm)

8...h6! 9.Sgxe4 Lxe4 10.d3! e6! 11.a3!? Lc5! 12.dxe4 Ld4 13.Th3 und das Chaos war angerichtet. Die turbulente Partie endete schliesslich remis.


VANUATU – JEMEN (F)
Enock – Rashad
Stellung nach 22...Lf5

Beschliessen möchte ich diesen Artikel mit einer Taktikaufgabe für Supergrossmeister. Leider hat die elfjährige Vanuatuerin (oder "Ni-Vanuatu", oder wie auch immer die Einwohnerinnen dieses Eilands heissen) ihre Chance verpasst.

Es gewann 23.Sd5+!! cxd5 24.exf5 gxf5 25.Txf5+ Ke6 und nun der pittoreske stille Zug 26.Dh3!! Ein Studienkomponist hätt's nicht besser gekonnt.

In der Partie hatte Schwarz nach 23.Dh4+ Ke6 24.exf5+ gxf5 25.Dc4+ Kd7 eine Qualität mehr und gewann in 52 Zügen.

46. Schacholympiade: Highlights Runden 1-3

von Anselm Schönbächler (Kommentare: 0)

Anselm präsentiert die besten Momente aus der Schacholympiade 2026 in Samarkand.

Liebe Leserin, Lieber Leser,
Ich habe getan, was sich niemand anderes getraut hat: Ich habe mir alle (ja, ALLE...) Partien der ersten drei Runden der laufenden Schacholympiade in Samarkand angeschaut und eine Zusammenstellung der besten und spannendesten Stellungen gemacht.
Es war nicht einfach, aus über 2000 Partien nur wenige Highlights zusammenzustellen. Es gab noch so viel mehr Spannendes, aber ich musste mich auf diese sehr kleine Auswahl beschränken. Ich habe bewusst auch Partien gewählt, die etwas abseits des grossen Rampenlichts stattfanden. Auch solche Begegnungen machen für mich die Besonderheit dieses Wettbewerbs aus!
Werde ich das für die kommenden Runden wieder machen? Vielleicht... Wenn das Feedback auf diesen Artikel positiv ausfällt, erhöht das die Chancen :-)
Viel Spass beim Lesen!

Anselm

MOSAMBIK – GUERNSEY
CM Jamal – CM Brookfield
Stellung nach 37.Tc8

Beginnen wir mit der bisher unterhaltsamsten Partie des Turniers. Schwarz hat zwei Damen, aber Weiss gibt sich nicht so leicht geschlagen.

37...Dd7? Nun hätte Weiss gewinnen können mit: 38.Txf8+! Kxf8 39.Sxh7+ Kg8 40. Sf6+ Kh8 41.Sxd7 Dd3+ 42.Kh2 Dxd7 (siehe Diagramm)

Analysediagramm

43.Dh4+ Kg8 44.Dd8+ mit einem gewonnen Endspiel für Weiss, was aber weder einfach zu rechnen noch einfach einzuschätzen war. Es folgte stattdessen:

38.Tc7? Ddd3+ 39.Kh4 Lb4?! (droht 40...Le1) 40.Tc8+ Se8 41.Txe8+ Kg7 42.Sf3 Dh1? Besser war z.B. 42...Dbf1. (siehe Diagramm)

43.Ld8! Es droht 44.Lf6+ Kh6 45.g5#. Schwarz hätte sich nun mit 43...Dxd8 44.Txd8 Le7+ 45.Kg3 Lxd8 mit einem unklaren Endspiel zufrieden geben müssen. Stattdessen wählte er 43...Lf8? und wurde nach 44.Lf6+ Kg8 45.Txf8+! Kxf8 46.Dc5+ Ke8 47.De7# mattgesetzt. Tatsächlich haben zwei Damen Schwarz nicht zum Sieg gereicht!


LUXEMBURG – NIEDERLANDE (F)
WGM Wagener – WGM Van Foreest, M
Stellung nach 36.cxd4

Es sah so aus als müsste Machteld Van Foreest ein unangenehmes Endspiel verteidigen. Mit einer taktischen Raffinesse vermochte sie aber ihre Gegnerin zu überlisten.

36...a3!? 37.bxa3? Notwendig war 37.Sd1. 37...c3 38.Tc2 h3+! (siehe Diagramm)

Egal, wie Weiss auf h3 nimmt, wird die 2. Reihe entscheidend geschwächt. 39.Kf1? ist auch nicht möglich angesichts 39...Tb1+ 40.Ke2 Sxd4+. Die Partie endete 39.Kxh3 (39.Sxh3 Tb2-+) 39...Tb2 40.Txc3 Txf2 41.d5 Sd4 42.d6 Sxf3 und Weiss gab auf.


PERU – USBEKISTAN
IM Flores – GM Sindarov
Stellung nach 31.Kg5

Schwarz hat viele Gewinnwege, aber WM-Herausforderer Sindarov liess es sich nicht nehmen, seine Dame zu opfern.

31...Kf7! 32.Dxf1 Th3 und ...h6# lässt sich nicht mehr stoppen.


LITAUEN – DOMINIKANISCHE REPUBLIK
IM Stremavicius, P – FM Mendez Ramirez
Stellung nach 40.fxg7+

Pijus Stremavicius, Bruder des vom "Fanclub Bogner" geächteten Titas Stremavicius, hatte mit wilden Komplikationen zu kämpfen. Richtig war 40...Kxg7, aber Victor Mendez Ramirez suchte verständlicherweise Schutz vor Schachgeboten und spielte 40...Kg8? Nach 41.Txh6 folgte 41...Df1+ in der Hoffnung auf 42.Kxf1? c1D+ nebst 43...Dxh6=, aber Stremavicius spielte stattdessen 42.Kh2! Df2+ 43.Kh3 Df1+ 44.Kh4 (siehe Diagramm)

und Schwarz gingen die Schachs aus. Auf 44...c1D käme nun einfach 45.Dh7+ Kf7 46.g8D#. Die Partie endete 44...Df6+ 45.Txf6 c1D 46.De6+ Kh7 47.Df5+ und Schwarz gab auf.


FRANKREICH – BOSNIEN UND HERZEGOWINA
GM Vachier-Lagrave – IM Culum
Stellung nach 13...Df6

Eine aus meiner Sicht stets vernachlässigte Qualität der Spitzenspieler sind ihre Verteidigungskünste. MVL stellte diese schön zur Schau:

14.Sc3! Sxf2 15.Sa4! Das Doppelschach 15...Sh3+ bringt jetzt nichts, und auch 15...Ld4 scheitert an 16.Le3 Sed3 17.Lxd4+ Dxd4 18.Db6! (siehe Diagramm)

Analysediagramm

18...Sh3+ 19.Kh1 Sdf2+ 20.Kg2+-. Ebenfalls zu nichts führte die Partiefortsetzung: 15...Sed3 16.Sxc5 Sh3+ 17.Kg2 Se1+ 18.Kh1 (siehe Diagramm)

18...Sf2+ 19.Txf2 Dxf2 und nun nicht etwa 20.De3? Dxe3 21.Lxe3 Sc2= sondern noch cooler 20.Ld2! Dxe2 21.Txe1! (21.Lxe1?? Df1#) 21...Dxd2 22.Sf3! Dh6 23.Txe4+ mit Gewinnstellung. Weiss gewann sechs Züge später.


IRAN – BELGIEN
GM Tabatabaei – IM Maerevoet
Stellung nach 47...h6

Diese Partie hält aus meiner Sicht den Titel für die ästhetischste Schlussstellung des Turniers.

Amin Tabatabaei spielte 48.Se6+! Lxe6 49.fxe6 und nach 49...Ta7 50.Lf1 gab Schwarz auf. Es stellt sich heraus, dass obwohl die Stellung materiell ausgeglichen ist, Schwarz komplett immobilisiert ist. Der Springer hat keine Felder, der König kann nicht ziehen und der Turm ist auf wenige Felder auf der a-Linie und der 8. Reihe beschränkt. Weiss kann in aller Ruhe 51.Lh3, 52.Lf5, 53.Lh7 und 54.Tg8# spielen und es gibt nichts, was Schwarz dagegen unternehmen kann.


AUSTRALIEN – ZYPERN
IM Sardana – FM Michaelidis
Stellung nach 35.Tf2

Diese Stellung gilt als täglicher Reminder, sich immer auf alle taktischen Möglichkeiten des Gegners zu achten.

Hätte Schwarz hier z.B. 35...Te6 gespielt, hätte er wohl mühelos gewonnen. Stattdessen war er unvorsichtig und zog 35...b4? Damit schenkte er dem Gegner nach 36.e6+! bxc3 37.Dxc3+ Kg8 38.Dg3+ Kh8 39.Dc3+ unnötigerweise einen halben Punkt.


OMAN – NORWEGEN (F)
Al Mamary – WGM Koskela
Stellung nach 53...Txg2

Apropos halbe Punke schenken. In dieser Stellung steht Schwarz natürlich komplett auf Gewinn. Weiss griff aber noch einmal in die Trickkiste und kam dank der Unachtsamkeit (um nicht zu sagen Überheblichkeit...) der Gegnerin tatsächlich zum Erfolg.

54.Sc3!? Sxc3?? (gut wäre z.B. 54...g5+) 55.Td5+! Ke4 56.Te5+ Kf4 57.Te4+ Kf3 58.Te3+ Kf4 59.Te4+ Kf3 60.Tf3+ Kf2 61.Te2+ Sxe2 patt.


ST. VINCENT UND DIE GRENADINEN – ÄQUATORIALGUINEA
Shetty – Naranjo Gonzales
Stellung nach 56...Tf2

Auch in diesem Beispiel hätte es sich gelohnt, auf Patt zu spielen.

57.Tg8+ Kf6 Nun hätte 58.Txg5! Txf3+ 59.Kg2= einfach zum Remis geführt. In der Partie bevorzugte es Weiss, mattgesetzt zu werden mit 58.Kg4?? Tg2+ 59.Kh5 (59.Kh3 Tg3+ -+) 59...Th2+ und Weiss gab auf.


USA – ANDORRA (F)
IM Abrahamyan – De La Riva Real
Stellung nach 82.Lg6

Ein anderes Motiv, mit dem man im Endspiel manchmal unerwartet halbe Punkte retten kann, ist das Prinzip des falschen Läufers.

Einziger Remiszug war 82...Sg4! mit der Idee nach 83.e6 (83.Ke4 Sxe5!=) 83...Se3+ 84.Ke5 Sc4+! 85.Kf5 Sd6+! 86.Kg5 Kxe6 nebst 87.Sf7 die Stellung zu halten. In der Partie verpasste Schwarz ihre Chance und zog 82...Sg8?, wonach Weiss mit 83.Ke4 Sh6 84.Kf4 Sg8 85.Kg5 Ke6 86.Lh7! Se7 87.h6+- schliesslich gewann.


FRANKREICH – MEXIKO (F)
IM Guichard – WIM Miranda Rodriguez
Stellung nach 39.Kxg5

Präzise Berechnung im Läuferendspiel zeigte die Mexikanerin Tania Miranda Rodriguez in dieser Partie.

39...Lxf3! 40.gxf3 h3! rettet Schwarz einen halben Punkt. Es folgte 41.f4 h2 42.Le4 exf4 43.Kxf4= und der schwarze König wird rechtzeitig den a3-Bauern einsammeln.


TÜRKEI – BANGLADESCH
GM Can – GM Murshed
Stellung nach 59...Kc8

Manchmal vergessen auch erfahrene Grossmeister wie Emre Can bekannte Remisfestungen.

In der Partie folgte 60.Kg5? und nach 60...Kb8 61.Kf4 Ka7 62.Th7+ Ka8!! 63.Tf7 Ta4+ 64.Ke3 Tb4! 65.Txf5 Ka7 entstand eine elementare und extrem wichtige Remisposition (siehe Diagramm).

Es entsteht nun unweigerlich eine Remisposition nach Horwitz & Kling, siehe Seite 211 in eurer Endspieluniversität...

Es folgte weiter: 66.Kd3 Kb6 67.Kc3 Ta4 68.Td5 Th4 69.Td8 Th5 70.Tb8+ Ka7 71.Tb7+ Ka8 72.Kb4 (siehe Diagramm)

72...Th4+ 73.Ka5 Ta4+! 74.Kb6 Txa6+! 75.Kc7 Tc6+ 76.bxc6 patt.

In der Ausgangsstellung gewonnen hätte 60.Tb6! Nun schafft es der schwarze König nicht in die Ecke und Weiss sollte leicht gewinnen.


SENEGAL – AUSTRALIEN
Mlik – GM Smerdon
Stellung nach 77...Lb5

Der senegalesische Amateur Omar Mlik verpasste in dieser Stellung ein fast schon studienhaftes Remis gegen Grossmeister David Smerdon.

78.Lc5+!! Ein brilliantes Doppel-Figurenopfer. 78...Kxc5 (oder 78...Kxe5 79.Lxf2 gxf2 80.e8D+ Lxe8 81.Ke2=) 79.Sd3+! Lxd3 80.e8D f1D und Weiss sollte Dauerschach haben, sofern er vorsichtig genug ist (siehe Diagramm).

Analysediagramm

81.De5+ Kc6 82.De6+ sollte remisieren, nicht aber 82.Dxg3? wegen dem fast ebenso studienhaften 82...De2+ 83.Kc3 Dc2+ 84.Kd4 Dc5+! 85.Kxd3 Da3+ -+.

In der Partie kam stattdessen 78.Sf3? und Schwarz gewann nach 78...Kd5 79.Lxg3 f1D -+ ohne Probleme.


ST. LUCIA – GRENADA
Nunez – Mendez
Stellung nach 54...Kc4

Auch dieses Endspiel könnte genausogut aus der Feder eines Studienkomponisten stammen.

In der Partie versuchte Weiss 55.axb6? Sxb6! 56.Tb4+ Kc5 57.Txe4, was aber nach 57.Sc4+ 58.Kc3 Sxa3= nur zum Remis führte.

Der Gewinn war möglich mit 55.Tc3+!! Sxc3 (55...Kd4 56.a6+-) 56.axb6 e3+ 57.Ke1! und Weiss gewinnt.


MALI – SAUDI-ARABIEN (F)
Maiga – Alreshidi
Stellung nach 23...Tac8

Zum Schluss noch etwas aus der Kategorie "Pleiten, Pech und Pannen". Ich könnte ein ganzes Buch füllen mit Partien, in denen Gewinne einzügig hergeschenkt wurden. Ich beschränke mich auf dieses elegante Beispiel.

Eine risikolose Gewinnstellung hätte Weiss beispielsweise nach 24.Dxe6+ Dxe6 25.Sxe6+-. Stattdessen wurde sie gierig und spielte 24.Sd7?? und wurde nach 24...Dxf2+ aus ihren Träumen gerissen.


TUNESIEN – BRUNEI (F)
WCM Rjeb – Pg Hj Janudin
Stellung nach 5.De2

Aber es geht bekanntlich immer noch schlimmer.

5...Sbd7?? 6.Sd6#

Erfolgreicher Sommer für Réti-Senioren

von Anselm Schönbächler (Kommentare: 0)

Henk und Eugen glänzten an den diesjährigen SSS-Turnieren.

Wie einige andere Réti-Mitglieder habe ich während der Sommermonate an zwei Schweizer Senioren-Schachturnieren teilgenommen.
Ein 7-Runden-Turnier in Laax im vergangenen Juni und ein gerade zu Ende gegangenes 9-Runden-Turnier in Adelboden. Wunderschöne Orte!

Schachtechnisch gab es, wie immer, Höhen und Tiefen, aber alles in allem war das Ergebnis OK-ish. Insgesamt habe ich etwa 20–25 ELO-Punkte gewonnen.
Es kann und muss außerdem erwähnt werden, dass Eugen Fleischer in Adelboden ein besonders hervorragendes Resultat erzielt hat. Er wurde Zweiter mit 6½ aus 9. Ein TPR von 2077. Bravo!

Ein paar Aufgaben zum Lernen und zur Zerstreuung.
Stockfish erkennt natürlich alles in 1–2 Sekunden. Versucht es also einmal ohne das „Allsehendes Auge“ 😊 Viel Glück!

Henk
Henks Schachrätsel

Aufgabe 1.

Aus Croket - Sijbring. Stellung nach 32.a2-a4.

Wie hätte Schwarz nun zuschlagen können?

Lösung

35…Sxe4! 36.Dxe4 (36.Lxe5, Sg3+) Txg4 Dxh3 mit gewonnener Stellung.

Aufgabe 2.

Aus Von Flüe - Sijbring

Ich spielte hier 26…Dh7-h3 was für den Sieg mehr als ausreichte. Wie hätte Schwarz jedoch viel schöner gewinnen können? (Ich meinte nicht 26…Sc6-a5

Lösung

26…Sd4!

a) 27.exd4 Lxd4+ 28.Sf2,Dh2+


b) 27.Dg2 Sg3+ 28.Kf1 Sxd2! 28.Dxd2,Dxh1

Aufgabe 3.

Aus Thomann - Sijbring.

Weiß hatte gerade ohne groß nachzudenken 16.Ld2-g5 gespielt, und ich spielte fast a-tempo 16...f7-f6 (attackiert der Läufer), worauf 17.Lg5-c1 folgte.

Während der Partie hatte ich gesehen, dass 17.Sd6 nicht ganz funktioniert. Schwarz kann 17...Sa5 spielen (woraufhin Weiß zwar besser steht).

Was hätte Weiß auf den 17. Zug spielen können?

Lösung

Wie gesagt 17.Sd6?! ist die weniger richtige Fortsetzung, Schwarz hat gerade noch 17...Na5! 18.Nxb7! Nxb7 19.Be3 Nf8. Weiß steht besser, aber Schwarz ist noch lange nicht am Ende.

Auch 17.Lh3 ist weniger gut: 17...Sf8 18.Db3, Kh8 führt zu einer ausgeglichenen Stellung

Weiß hatte jedoch einen brillanten, „stillen“ Zug zur Verfügung: 17. Db3!! Kf8! der einzige Zug, um noch ein kleines bisschen im Spiel zu bleiben.

a) 17...fxg5?? 18.Nd6+ Kh8 19.Nf7+ Kg8 20.Nh6+ Kh8 21.Qg8+ Rxg8 22.Nf7#;


b) 17...Kf8! 18.Sd6 c4 19.Qxc4! Sc5 20.Sxb7 Sxb7 21.Bh3!! Sd6 (21...fxg5?? 22.Sxg5+–) 22.Qe6 Qe7
Und Weiß hat einen gesunden Plus-Bauern und sollte daher – auf lange Sicht – gewinnen.

Aufgabe 4.

Aus Sijbring - Morf.

Stellung nach dem 32. Zug von Schwarz. Wie hat Weiß hier fortgesetzt?

Lösung

24.e5! (Öffnet alle Angriffslinien gegen den Schwarzen König)

a) 24...Qxe5? 25.Rae1!


b) 24…fxe5  25.Sxg6 Sxg6 26.Lxg6+ Kd7 27.Sf5 Dd8 27.Taf1 mit komplett gewonnener Stellung.

In der Partie folgte:
c) 24...dxe5 25.Sxg6!
      [25.Bxg6+! gewinnt auch 25...Kd7 26.Nf5 Qd8

      27.Se6 Sxe6 28.dxe6+ Kc7 (28...Kxe6 29.Rad1

      Qxd2+ 30.Rxd2+–) 29.Qxd8+ Rxd8 30.e7]

25...Sxg6 26.Bxg6+ Kd8?!
      [26...Kd7!? 27.Rhf1 Nf8 28.Be4 Kc7 (28...fxg5
      29.d6 Qg7 30.Nd5 Rh6 31.Rxf8 Qxf8 32.Nb6+)
      29.Rxf6+–]

27.Raf1?! mit gewonnener Stellung. (NB. Aber nach 27.d6! ist es sofort komplett verloren, es droht Dd2–a5+ mit Matt. Und dagegen lässt sich nichts ausrichten.)

Aufgabe 5 / Vorwort.

Aus Sijbring - Hengelage.

Stellung nach 14.Zug von Schwarz.

Der Läufer auf g7 und der Springer auf e8 tun überhaupt nichts, und es ist sehr schwer zu erkennen, wie man sie aktivieren könnte. Eine richtig trostlose Stellung für Schwarz. Gleichzeitig: Wie um alles in der Welt soll Weiß diese Mauer durchbrechen?

Aufgabe 5a.

Stellung nach dem 51. Zug von Schwarz.

Der positionelle Daumenschrauben wurden immer weiter angezogen. Und es ist offensichtlich, dass Weiß stetige Fortschritte gemacht hat. Wie hätte Weiß hier (sofort) gewinnen können?

 

Lösung

52.Sxb6+! cxb6 53.Kxb6 Bd8+ (53...Kc8 54.b5 Kb8 55.Kc6) 54.Ka7! und der weiße b-Bauer rückt weiter vor) 54...Kc8 55.b5 La5 46.b6 Sd8 47.c5 dxc5 48.Sxe5

Aufgabe 5b.

Weiß hat nun fast alle seine Figuren optimiert. (Schwarz hat bisher ‘ewigdauert’ Se8-g7-e8-g7. gespielt).

Wenn Weiß gewinnen will, muss noch eine Figur (der Springer) zum Damenflügel umgruppiert werden.
Aber dann spielt Schwarz 65…Lxg5, 66.hxg5,Sxg5 und 67…Sxf3 und der schwarze h-Bauer stürmt weiter vor. Schwarz könnte «Unter Umständen» die Partie sogar kippen?

Dies Aufgabe ist außerirdisch schwierig.
Ich konnte es nicht ausrechnen und gab die Partie Remis.

Weiß hätte hier aber spielen können?

 

Lösung I

65.Sc2!! Lxg5 66.hxg5 Sxg5 67.Sa3!

(Raphael Mathyer schlug hier eine völlig andere Idee vor: 67.Lh4! Sxf3 68.Le7 Mit der Absicht, Bc2–a3 –b5–a7 Matt. So ähnlich wie 68...h4 69.Sa3 h3 70.Sb5 h2 71.Sa7#

Schwarz hat jedoch noch 68...Sd4!

Analyse-Diagramm

69.Se1!! einziger Zug
(69.Sb4? Sgf5!! 70.exf5 (70.Bg5?? Sg3–+) 70...Sxf5 71.Bxd6 Sxd6 72.Sxe5 g5=)

69...f3 70.Sd3!! einziger Zug 70…Ngf5!

Analyse-Diagramm

71.Bg5!! einziger Zug 71...Sg3 72.Sf2!! einziger Zug 72...Sge2 73.Sf8 Sxc6! 74.dxc6 Sd4 75.Sxg6 Sxc6 76.Se7+ Sxe7 77.Bxe7 Kd7 78.Bg5 c6 79.Kb7 d5 80.Kb6 Kd6 81.Ka5 dxe4 82.Sxe4+ Kd5

Analyse-Diagramm

83.Sd2 f2 84.Bh4! Und Weiß frisst alle Bauern auf, woraufhin der weiße Läufer und Springer Schwarz „ganz einfach“ schachmatt setzen werden.
Wer von uns Spielern ohne FIDE-Titel glaubt, dass er das nach 4–5 Stunden Spielzeit schaffen könnte? 😊)

Lösung II

65.Sc2!! Bxg5 66.hxg5 Sxg5 67.Sa3! Sxf3 68.Sb5 h4

Analyse-Diagramm

69.Nb6+!! Kd8 (69...cxb6 70.Bxb6 h3 71.Sxd6#) 70.Kb7 h3 71.Sxc7 h2

Analyse-Diagramm

72.Se6+ Sxe6 73.dxe6 h1D 74.c7+ Ke7 75.Sd5+ Kxe6 76.c8D+

Analyse-Diagramm

Mit Matt in 10 Zügen!

Das gesagt; wer hätte denn die Nerven aus Stahl gehabt, Schwarz auf g5 opfern zu lassen?? 😊

 

Eugens Schachrätsel

Wie von Henk bereits erwähnt, erreichte Eugen am SSS-Turnier in Adelboden den sensationellen zweiten Schlussrang! Auch er hat uns einige spannende Momente aus seinen Stellungen zusammengestellt. Viel Spass!

– Anselm

 

Weiss am Zug. Welche präzise Fortsetzung fand Eugen hier?

Lösung

Eugen setzte erfolgreich seine Bauernmasse im Zentrum in Szene:

16.f3! Le6 17.d5 Lh3 18.Lxh3 Dxh3 19.Sf5+-

Wie brachte Eugen die Partie stilvoll zu Ende? Weiss am Zug.

Lösung

27.Lxg5! fxg5 28.Dxg5+ Kh8 29.De5+

Mit Matt im nächsten Zug. Schwarz gab auf.

Eugen stand mit Schwarz hier auf Gewinn. Mit welchem Zug hätte er die Partie quasi auf der Stelle beenden können?

Lösung

Mit dem Doppelangriff 42...d4! hätte Eugen die Partie direkt beenden können. Er wählte stattdessen 42...Sf3+?!, wonach die Partie tatsächlich nochmals spannend wurde, siehe Fortsetzung im nächsten Diagramm.

Jetzt ist Präzision gefragt. Wie bringt Schwarz am Zug den vollen Punkt sicher nach Hause?

Lösung

Eugen fand den richtigen Anfangszug 46...Ld5+! (46...Ld1+ gewinnt auf ähnliche Weise) in der Hoffnung auf 47.Kxe3?! Txa3+ nebst 48...Kxf5 und leichtem Gewinn. Weiss zog allerdings 47.Ke2!? und nun griff Eugen fehl mit 47...Txa3?, was Weiss nach 48.Sxe3 wieder sehr realistische Remischancen gab. Richtig war 47...Lc4+! wonach Schwarz mit 48.Kf3 e2! 49.Kf2 Txa3 einfach gewinnen sollte.

In der Partie hätte Weiss (zumindest gemäss Computer) noch Remischancen gehabt. Eugen blieb aber hartnäckig und sicherte sich am Schluss dennoch den Sieg.

Weiss am Zug. Mit welchem Manöver behielt Eugen hier die Initiative?

Lösung

17.Se2! (mit der Idee 18.Sf4) 17...g5 18.Sg3 g6 19.bxc6 bxc6 20.Dc2 Le7 und es entstand die Position im folgenden Diagramm.

Weiss am Zug. Weiss braucht eine kraftvolle Fortsetzung, um seinen Vorsprung in Aktivität zu behaupten.

Lösung

21.Se5! nutzt aus, dass die schwarze Dame an die Verteidigung des g6-Bauerns gebunden ist. Nach 21...Sxe5 22.dxe5 c5 23.Tb7 war die Stellung bereits angenehmer zu spielen für Weiss.

Eugen gewann die Partie schliesslich – Es sollte eine der entscheidenden Siege auf dem Weg zum zweiten Schlussrang werden.

Diese Stellung schreit förmlich nach einem Zug. Eugen fand ihn in der Partie – Weiss am Zug.

Lösung

20.e4! Die weissen Figuren sind optimal postiert für diesen öffnenden Zug, die schwarzen eher weniger. Nach 20...fxe4 21.Lxe4 Se5 22.f4 Sg4 23.Sd5 hatte Eugen eine absolut überlegene Stellung.